Von Dieter Sauberzweig

Dieter Sauberzweig, Dr. phil., Geschäftsführer der Studienstiftung des deutschen Volkes, setzt hier seinen in der letzten Nummer der ZEIT begonnenen Bericht über die deutschen Hochschulen im Dritten Reich fort: auf die Bücherverbrennung folgte die Vertreibung der jüdischen Gelehrten. Das alles wirft die Frage auf: Was konnte Hochschullehrer auch dann, wenn sie durchaus nicht überzeugte Nationalsozialisten waren, veranlassen, das alles mitzumachen?

Am Abend des 10. Mai 1933, als auch in Bonn die Scheiterhaufen der Bücherverbrennung loderten, rief der Germanist Hans Naumann den Studenten zu: „Dieser Frühlingssturm der deutschen Bewegung war zu hinreißend schön: er soll nicht durch irgendwelche allzumenschliche Schwächen getrübt oder gefährdet sein. – Wir wollen, die Bindung und die Reinheit, den Edelmut der Gesinnung, die Unterordnung und die Gliederung. So wollen wir es für unsere Herzen und so wollen wir es auch für unser Schrifttum. Wir wollen ein Schrifttum, dem Familie und Heimat, Volk und Blut, das ganze Dasein der frommen Bindungen wieder heilig ist. Das uns zum sozialen Gefühl und zum Gemeinschaftsleben erzieht, sei es in der Sippe, sei es im Beruf, sei es in der Gefolgschaft oder in Stamm und Nation. Das uns zum Staat erzieht und zum Führertum und zur Wehrhaftigkeit. Das Heilige wollen wir und das Heroische. Kühnheit wollen wir und Geist, so ist es germanische, so ist es deutsche Art. Wir wollen den Literaten nicht mehr, wir wollen den verantwortlichen, den Dichter. Es war gerade die Kunst des uns artfremden Zivilisationsliteraten, mit kaltem Verstand erklügelt und gewollt zu sein. Deutsche Kunst aber kommt aus irrationalen Gründen, kommt aus den Tiefen des Parzival und des Faust. Wir rufen nach dem neuen künstlerischen Geist der völkischen Aktivität. Heil denn also dem neuen deutschen Schrifttum! Heil dem obersten Führer! Heil Deutschland!“

Hans Naumann, der Hochschullehrer, der dieses sprach, war alles andere als der Typ des fanatischen Parteimannes; er war ein Ästhet und naiver Idealist, der sich dem George-Kreis verbunden. fühlte und der sich dem Nationalsozialismus in den Glauben zur Verfügung stellte, einer Erneuerung des deutschen Geistes zu dienen.

Ähnlich dachten viele andere Professoren. Die Haltung dieser Männer wird am Beispiel des Dichters und Literaturwissenschaftlers Ernst Bertram deutlich. Bertram gehörte dem George-Kreis an, war aber seit 1910 auch mit Thomas Mann durch einen ständigen Briefwechsel und durch Gespräche freundschaftlich verbunden.

Diese Freundschaft erlitt 1933 durch Bertrams politisches Denken und Handeln einen Bruch. Seine zwiespältige Haltung wurde bei den Bücherverbrennungen, denen auch die Werke von Thomas Mann zum Opfer fallen sollten, sehr deutlich. Auf der einen Seite begrüßte er die Verbrennung der undeutschen Literatur und lieferte für die Rede Hans Naumanns sogar ein eigens dafür angefertigtes Gedicht; auf der anderen Seite ließ er nichts unversucht, um zu verhindern, daß bei dieser Aktion die Bücher seiner Freunde verbrannt wurden.

Am 7. und 8. Mai 1933 schrieb er an Ernst Glöckner: „Am Mittwoch ist nun die große feierliche Verbrennung der undeutschen Literatur, vor dem Gefallenendenkmal der Universität. Man ist der Meinung, daß ich dabei nicht fehlen dürfte. Zu meinem Kummer wird auch Thomas Mann verbrannt, ich habe noch mit großer Mühe verhindert, daß Gundolf auf die Liste kam, er soll auch aus der Studentenbücherei verschwinden, worüber ich lange Besprechungen hatte.“ –