Die Leipziger Frühjahrsmesse (5.–14. März) oder das „Gipfeltreffen der Wirtschaftler“, wie die SED-Funktionäre dazu sagen, war zweifellos mit ihren 9078 Ausstellern aus 51 Ländern die größte Messe der Welt. Doch mißt man ihre Bedeutung an den Geschäftsabschlüssen, so würde Leipzig höchstens einen guten Mittelplatz einnehmen. Geradezu peinlich waren wiederum Pankows Bemühungen, westliche Länder auf dem Leipziger Terrain politisch zu überrumpeln. Zwar prostete Ulbricht diesmal keinem westdeutschen Direktor zu. Doch ließ er keine Gelegenheit ungenutzt, die Aussteller zu attackieren.

Sein listiges Vorgehen im Messestand einer bekannten Firma (Krupp) war dafür ein Beispiel. Mit dem Hinweis, daß er kein Monopol auf Unterschriften besitze, ließ Ulbricht unter sein Verschen über Frieden und die Wiedervereinigung auch die Unterschrift eines anwesenden Direktors der Firma setzen. In noch unangenehmere Situationen gerieten die Engländer, denen Pankow durch den Abschluß eines Handelsvertrages zumindest die De-facto-Anerkennung abnötigen wollte.

Die Chancen im Interzonenhandel sind nicht schlechter geworden, obwohl es neuerdings zum guten Ton eines jeden „volkseigenen“ Betriebes gehört, an einheimischen Produkten so lange herumzubasteln, bis angeblich die bislang aus dem Westen bezogenen Produkte gleichwertig oder besser hergestellt werden können. In Leipzig wurden diese Autarkiebestrebungen von den Wirtschaftsfunktionären allerdings dementiert. Da die Devisenlage Pankows zur Zeit außerordentlich prekär ist, möchte die Zone nur zu gern den Interzonenhandel ausweiten, zumal sie in England Schiffbruch erlitten hat. Ostberlin spekulierte auf einen englischen Kredit in Höhe von 500 Mill. Mark. Dafür sollten Ausrüstungen für das neue Stahlwerk in Stalinstadt gekauft werden. Da der Kredit von England aber nicht bewilligt wurde, muß nun die Sowjetunion auf lange Sicht die Ausrüstung liefern. Einige kleine Zulieferungen werden aus Frankreich kommen.

Hauptsächlich ging es nämlich der Zone wie schon auf den letzten Frühjahrsmessen um Stahl. Die gesamte westeuropäische Stahlindustrie war vertreten. Selbst die Amerikaner waren erstmalig durch die „National Steal Corp.“ und die Sutton Steal and Metal Corp. recht repräsentativ anvesend. Die Sutton Steal, welche die Automobilbleche für Chrysler liefert, hat inzwischen auch einen Vertrag mit den Eisenacher Automobilwerken abgeschlossen, die künftig ihre „Wirtburg“-Wagen teilweise aus amerikanischem Material herstellen.

Größter Auslandsaussteller aus dem Westen war nach der Bundesrepublik England, gefolgt von Frankreich. Aus der Bundesrepublik wa-en diesmal 315 Aussteller weniger als zur letz:en Frühjahrsmesse gekommen. Die 1217 westdeutschen Firmen wurden auch nicht so sehr wie die Ausländer hofiert. Vor Messebeginn hatte die „Regierungskommission Leipziger Messe“ eine Direktive herausgegeben, nach der „in Anbetracht der Situation im Handel mit Westdeutschland besonderes Gewicht auf die Pflege der Handelsbeziehungen mit Finnland, England, Frankreich, Schweden, Österreich, Italien und Holland“ zu legen sei.

Recht enttäuscht kehrten viele Aussteller aus den Entwicklungsländern wieder in ihre Heimat zurück. Ihren Vertretern hatte Zonen-Außenhandelsminister Heinrich Rau eindeutige Absagen hinsichtlich erhoffter Kredithilfen erteilt. Um aus der Not eine Tugend zu machen, bezeichnete Rau Kredite „als keine wirkliche und echte Hilfe“ für die Entwicklungsländer, die vor allem daran interessiert wären, ihre Landeserzeugnisse zu stabilen Preisen abzusetzen.

Schwerpunkte des technischen Angebots der Zone waren diesmal besonders Elektroausrüstungen und Werkzeugmaschinen. Allein die Sowjetunion kaufte für 13 Mill. Mark Elektrostationen, Grubenkabel und Telephonleitungen. Ein recht eigenartiges Bild bot allerdings die vor drei Jahren mit großem Propagandaaufwand eröffnete „Luftfahrthalle“, wo man außer Pumpen, Dieselmotoren und Kompressoren nicht einmal mehr ein Modell des mit so viel Vorschußlorbeeren bedachten Turbinenflugzeugs „152“ sehen konnte. Obwohl schon 1959 in einer schweizerischen Flugzeugfachzeitschrift Käufer für die „152“ geworben wurden, war keine Auskunft darüber zu erhalten, wann das erste Flugzeug dieses Typs in Dienst gestellt werden könnte.

„Leipziger Messe – Mittler der friedlichen Koexistenz“, las man wieder in den Hallen und an den Häuserwänden. Man sollte aber auch dem Ostberliner Staatsrechtler Prof. Steiniger danken, der zur gleichen Zeit mit verblüffender Offenheit die „Politik der friedlichen Koexistenz“ als ein Mittel pries, den Sozialismus-Kommunismus ohne Revolution im Westen zu ermöglichen. (Siehe auch Beilage.) H. L.