Der düstere Schatten des Prozesses in Jerusalem fällt weit voraus

Von Walter Gong

Bonn, im März

In den kommenden Monaten wird uns nichts geschenkt werden – mögen wir nun Ex-Nazis, Mitläufer, gar keine Läufer, Widerstandskämpfer, Ex-Emigranten, die ewig Gleichgültigen, oder jene junge deutsche Generation sein, die von all dem nur aus Büchern und Filmen erfährt. Wir alle – ob wir wollen oder nicht – werden uns mit dem Fall Eichmann auseinandersetzen müssen.

Und natürlich wollen wir eigentlich nicht. Natürlich wollten wir eigentlich, daß die schändliche, die schmähliche Vergangenheit endlich begraben sei, ein für allemal, und es schüttelt uns im voraus, wenn wir daran denken, was uns dieses Jahr des Eichmann-Prozesses – das sechzehnte Jahr nach dem Zusammenbruch des Hitler- und Eichmann-Regimes – an Demütigungen bringen wird –, und ich wiederhole: an Demütigungen für uns alle, sofern wir Deutsche sind. Da kann sich niemand drücken – und sei er zehnmal „dagegen“ gewesen, aktiv oder passiv.

Zwar braucht sich niemand mit Eichmann zu identifizieren, der den Massenmord nicht mitgemacht oder dicken politischen NS-Dreck am Stecken hat. Aber niemand wird auch leugnen können, daß dies, was Eichmann tat, in Deutschland geschah, daß es Ausdruck eines Systems war, das von Deutschen geschaffen (und sehr lange auch umjubelt) worden war und daß wir daher alle noch einmal – zum wievieltenmal eigentlich schon? – vor das große Weltgericht treten müssen, das uns begnadigt, aber nicht freigesprochen hat.

Schlaflos – nicht ohne Grund