Ist die von der Bundesregierung servierte Aufwertungssuppe so heiß, daß sich die deutsche Exportindustrie daran den Mund verbrennt oder kann sie die Wechselkursänderung ohne Wimperzucken verdauen? Im Streit der Meinungen von Experten und solcher, die sich dafür halten, war es wohltuend, die abgewogene Stimme eines der Hauptbetroffenen zu hören. Sie distanzierte sich ebenso von den Kassandrarufen wie von leichtfertigen Beschwichtigungen. Dr. Ernst von Siemens, Aufsichtsratsvorsitzender des größten deutschen Privatunternehmens, erklärte in der Hauptversammlung der Siemens Halske AG:

„Die Aufwertung der DM stellt uns vor nicht unbeträchtliche Belastungen im Export. Wir haben aber schon schwerere Probleme überwunden, so daß wir glauben, auch damit fertig zu werden.“

Ob allerdings der vom Bundesfinanzminister genannte Aufwertungsverlust der westdeutschen Industrie in Höhe von 225 Mill. DM als wirklichkeitsnahe Schätzung gelten darf, erscheint nach der überschlägigen Berechnung der Siemens-Verwaltung recht zweifelhaft. Im Bereich ihrer Gruppe sind etwa 1,75 Mrd. DM an ausländischen Beteiligungen, Finanzdarlehen und Forderungen sowie an Auftragsbestand vom Aufwertungsrisiko betroffen, dessen Ausmaß mit ungefähr 3 bis 4 vH angenommen wird. Rechnet man dazu die von Siemens gezeichnete Entwicklungsanleihe in Höhe von 36 Mill. DM, ergibt sich allein für dieses Unternehmen eine Liquiditätsminderung von rund 100 Mill. DM. Das ist selbst für eine Weltfirma ein Betrag, der nicht ohne weiteres aus dem Ärmel geschüttelt werden kann. Freilich verliert die deutsche Exportindustrie deshalb nicht die Kontenance, wie Finanzdirektor Dr. Adolf Lohse mit Betonung feststellte, aber die Zahlen zeigen doch die Dinge im richtigen Maß.

Auch wenn die meisten Exportverträge in DM abgeschlossen wurden, ändert das praktisch wenig. Bei Siemens betrifft ein erheblicher Teil dieser Verträge ausländische Tochtergesellschaften, die ihrerseits in Fremdwährung verkaufen. Hier kann man sich nur entscheiden, ob der Verlust von der inländischen Mutter oder von der ausländischen Tochter zu tragen ist. Dabei kommt aber lediglich eine Buchung „Jacke an Hose“ heraus.

Infolge der veränderten Situation hat sich die Siemens-Verwaltung entschlossen, ihren angekündigten Verzicht auf die Inanspruchnahme des restlichen genehmigten Kapitals zu revidieren. Sie will nun 10 Mill. DM genehmigtes Kapital mit einem entsprechenden Agio „an Bord nehmen“, auch deshalb, um ihr selbstgestecktes Ziel bei der nächsten Bilanz zu erreichen: die offenen Rücklagen sollen bis dahin die Höhe des Grundkapitals von 510 Mill. DM ausmachen.

Auf keinen Fall werden die Siemens-Aktionäre zu den Aufwertungsgeschädigten zählen. Dies wurde in der Hauptversammlung ausdrücklich versichert. Die Entwicklung im laufenden Geschäftsjahr läßt wiederum einen befriedigenden Abschluß erwarten. Der Umsatz lag in den letzten fünf Monaten um 12 vH über der gleichen Vorjahreszeit. Auftragseingang und Auftragsbestand sind weiter gestiegen, ebenso die Fabrikleistung Die Belegschaft wurde im Inland um 4000 auf 191 000 und im Ausland um 1000 auf 23 000 Mitarbeiter verstärkt. Die Zufriedenheit der Aktionäre fand in der Hauptversammlung mit der einmütigen Genehmigung von 16 vH Dividende für 1959/1960, der bisher höchsten in der Geschichte des Unternehmens, ihren Ausdruck. Erstmals lagen zur Hauptversammlung keine schriftlichen Aktionärsfragen vor. Die Verwaltung bucht das mit Recht als Erfolg ihrer anerkennenswerten Bemühungen um eine fortschrittliche Publizität. –g