Auch Dr. Donau schüttet mit seiner Artikelserie nun gleich das Kind mit dem Bade aus. Seine richtigen Ansätze schwächt er selber ab durch Übertreibungen und unzulässige Verallgemeinerungen.

Über die Reformbedürftigkeit der Studiengänge, Prüfungsordnungen und Unterrichtsverfahren sind sich viele von uns im klaren, und es ist notwendig, immer wieder davon zu sprechen. Ob aber die von Dr. Donau (und manchen seiner anonymen Vorgänger) geübte Vereinfachungsmethode bei einem so komplizierten Sachverhalt zu einer Klärung helfen kann, möchte ich bezweifeln. Von den vielen Punkten, die in Donaus letztem Artikel zu einer Stellungnahme herausfordern, greife ich nur zwei heraus. „Einen Lehrstuhl bekommt man später fast nur durch den Einfluß seines Lehrers“, stellt Donau als kühne These auf. Tatsächlich kann aber heute jeder Dozent, zumal in den an Nachwuchsmangel leidenden Fächern, mit Sicherheit damit rechnen, berufen zu werden, wenn er eine wissenschaftliche Leistung von Qualität und Gewicht vorzuweisen hat. Er bedarf also des „Einflusses“ seines Lehrers wirklich nicht. Jene freilich werden ihn brauchen, die nur sehr wenig geleistet haben.

Dr. Donau wendet sich – offenbar im Namen der Demokratie – gegen die Rangabstufung auf den Universitäten, die mehrere Gruppen von Hochschullehrern kennt: Ordinarien, Extraordinarien, Dozenten usw. Abgesehen davon, daß es eine solche Hierarchie aber an allen Universitäten der europäischen Tradition gibt (auch in den USA!), muß man fragen, ob auf einem Sektor, innerhalb dessen die Unterschiede an Leistung, wissenschaftlichem Können und geistigem Rang, aber auch die Verschiedenheit der Aufgaben und der zu übernehmenden Verantwortungen so erheblich sind, daß diese Unterschiede nicht auch in der äußeren Ordnung zur Geltung gebracht werden; sollten. Kann die notwendige Qualitätsauslese von unten nach oben stattfinden, wenn es von vornherein nur eine Klasse von Hochschullehrern gibt? Und gibt es nicht selbst im Handwerk die Stufung in Lehrlinge, Gesellen und Meister? Bedeutet Demokratie, daß jeder gleichviel zu sagen hat?

Herr Donau stellt bedauernd fest: „Insgesamt aber haben wir eine Oligarchie.“ Ohne ein gewisses Maß an Oligarchie wird aber eine hohe Schule nie auskommen, wenn sie nicht einer allgemeinen Nivellierung, die unausweichlich zu einer Niveausenkung führen müßte, zum Opfer fallen will. Das beweisen gerade jene Universitäten, die zu Weltruhm aufgestiegen sind: Harvard und Princeton, Oxford und Cambridge, Rom und die Sorbonne, um nur ein halbes Dutzend zu nennen und dabei die deutschen Universitäten diesmal ganz aus dem Spiel zu lassen. Die Professoren dieser Universitäten haben sich in der Regel durch „Zuwahl“ ergänzt, das heißt durch einen Wahlakt, der „von oben nach unten“ und nicht, wie es die Demokratie anscheinend verlangt, „von unten nach oben“ erfolgte. Und stets vollzog sich die Zuwahl eines neuen Professors auf „oligarchischer Ebene“, ja meist sogar hinter verschlossenen Türen, und die eigentliche Entscheidung, selbst wenn sie dann durch mehrere Stationen und Gremien hindurchpassierte, fiel letzten Endes doch innerhalb eines kleinen Kreises. Ähnliches gilt übrigens auch für die Zuwahl und Neuaufnahme jüngerer Dozenten, die nach verschiedenem System, aber immer unter der maßgeblichen Beteiligung der Professoren ausgewählt und zur Ernennung vorgeschlagen werden. Ich möchte behaupten, daß die genannten Universitäten (und viele andere hohe Schulen außer ihnen!) nie das geleistet hätten, nie das geworden wären und auch für die Zukunft diese ihre führende Stellung nicht würden halten können, wenn sie nicht von der Oligarchie dort, wo es notwendig ist, Gebrauch gemacht hätten und auch weiterhin machen würden. Arme Demokratie, die nicht zu erkennen, vermöchte, wo auch sie der Oligarchie bedarf!

Professor Dr. Wolfgang Clemen, München