Das ist die Zeit der schweren Not, das ist die schwere Not der Zeit...“ Im Winter 1939/40 war der alte, litaneihafte Spruch nur allzu aktuell. In jener schweren Zeit der Not entstand in Jerusalem das Buch von

Werner Kraft: „Der Wirrwarr“; S. Fischer Verlag, Frankfurt; 195 S., 12,80 DM.

Der Autor, schon hoch in den Dreißigern, als die Nazis kamen, verlor seine Stellung als Bibliotheksrat in Hannover und mußte Deutschland verlassen. Erst ging er nach Paris, dann nach Palästina, wo er heute lebt. Er hat unter anderem das beste Buch über Karl Kraus geschrieben und brachte vor kurzem einen ungewöhnlich bedeutenden Essayband heraus. „Der Wirrwarr“ ist sein erster und wohl einziger Roman – oder vielmehr das einzige Werk, das er Roman genannt hat. Denn es ist weniger ein Roman als ein Erguß von Gedanken und Empfindungen in der Not der schweren Zeit.

Im ersten Teil ist der Einfluß Kafkas unverkennbar: Angstphantasien wie im „Prozeß“, aber noch fiebriger, surrealistisch wie Bilder Salvador Dalis: Im Alptraum sieht Georg Delta die geliebte Frau, die ihn verlassen hat, sie sagt zu ihm: „Wo du auch gehst und stehst, ich ziehe dich an meinem Faden“ – und schon erscheint an seinem Arm eine „hauchdünne Schlinge, aus purem Silber, deren anderes Ende sich in ihrer Hand verläuft“.

Anders als bei Kafka werden manche seltsamen Geschehnisse später rational erklärt. Die mysteriösen Besucher Georg Deltas in den Anfangskapiteln sind keine Halluzinationen. Ein Freund seines im Ersten Weltkrieg verschollenen Bruders Eduard hat ihm eine „Botschaft“ zu überbringen, will sich ihm aber nicht vorzeitig zu erkennen geben und hat sich einen theatralischen Auftritt ausgedacht, um sich ihm zu nähern.

Es ist nicht einfach, die Botschaft zu enträtseln; Werner Kraft hätte es seinen Lesern doch leichter machen sollen. Wenn ich sie richtig verstehe, geht es Eduard und also Kraft um die Verteidigung der geistigen Werte gegen den Ungeist der Politik.

Kraft ist es nicht darum zu tun, eine politische Richtung gegen die andere auszuspielen – so naheliegend es 1940 auch gewesen wäre –, sondern die Diktaturen zu verdammen. Sein Haß gilt der verflachenden und vergiftenden Wirkung der politischen Phrasendrescherei in jeder Form; er wahrt den Abstand zu dem gewöhnlichen „zeitnahen“ Emigrantenroman.

Ludwig Fürst