Von Hugo Kuhn

Professor Dr. Hugo Kuhn, Ordinarius für ältere deutsche Literatur an der Universität München, ist einer der führenden deutschen Altgermanisten die Anregungen, die er zu geben vermag, gehen jedoch weit über das eigene Fachgebiet hinaus.

Mittags steht die Sonne im Norden. Norden bedeutet Hitze. Kalter Südwind kommt vom Pol. Aber in Melbournes Schachbrett-City und um Sydneys „Kings Cross“ preisen sich Continental shops an, gibt es Continental food – nicht etwa aus dem „toten Herzen“ des fünften und kleinsten Kontinents Australien, sondern gemeint ist: kontinental-europäisch, in der Sprache Englands.

Und die asiatische Welt, die Australien im Norden umringt, heißt meist noch Far East Wird also europäisch gesehen; Near North kommt nur langsam auf in der politischen Sprache Australiens.

When second-hand Europeans pullulate / Timidly on the edge of alien shores ... – so hat ein Dichter aus der um europäische Tradition in Australien kämpfenden Gruppe, der gleichzeitig Professor für englische Literatur in der Bundesstadt Canberra ist, die Situation umschrieben. Dem nachdenklichen Europäer von heute aber kann das Kreuz des Südens auch ein paar europäische Lichter aufstecken, auf die er hier nicht gerechnet hätte.

Erst eine Schiffsreise um den halben Globus – Lissabon, Gibraltar, Suez, Aden, Colombo, Singapur, Freemantie; man kann sie um die andere Hälfte herum vervollständigen: Fiji, Hawaii, St. Francisco, Panama, London – gibt Anschauung zum Wissen sowohl von den einstigen Stützpunkten des englischen Imperiums wie von der Lebenswirklichkeit des heutigen englischen Commonwealth auf seinen Trümmern. Das Schiff trägt noch immer die festen Formen altenglischen Lebensstils über die Meere; und wo man an Land geht, erwarten einen Teestunden wie in England. Commonwealth – im Kern die Einheit englisch sprechender, in der englischen Kultur lebender weißer Neuvölker rings um die Erde, wieder sehr lebendig mit den früh abtrünnigen USA verbünden, darumgelagert Staaten verschiedenster Nationalität und Rasse, die vom englischen way of life tief genug ergriffen wurden – das ist heute das einzige überlebende Beispiel für die Kraft von Tradition, Kompromiß und politischem Sinn – wie einst, mit anderen Mitteln, die Kaiserreiche des Mittelalters oder, noch weiter gespannt, die Kreuzzüge des europäischen Rittertums oder lange Zeit schließlich auch Österreich-Ungarn. Sonst haben wir nur noch die „Blöcke“, Nationalismen und Ideologien bunt gemischt; und UNO und gemeinsame Märkte.

Aber Weiß-Australien schwimmt nur in einer dünnen englischen Geschichtsschale über der Urzeit-Abgeschiedenheit des Landes, seiner Wüsten und Wälder und Tiere und Eingeborenen. Alles Historische, Bauten und Einrichtungen, reicht nur ins England des 19. Jahrhunderts zurück. Und so, wird hier der Manierismus dieses europäischen Zeitalters endgültig. Andererseits wirkt die australische Freiheit und Gleichheit in Ton und Haltung auf den Fremden wie eine Befreiung von der Last der europäischen Geschichte.