Erst nach Überwindung innerer Widerstände habe ich mich entschlossen, auf die vier Artikel des LGR Dr. H. Donau zu erwidern. Seine Darlegungen sind nach Form und Inhalt für jemanden, der sich seit zwei Jahrzehnten bemüht, den Rechtsstudenten das Beste zu geben, kaum erträglich, für alle Rechtsprofesoren eine Beleidigung und zum großen Teil eine eindeutig falsche Wiedergabe von Fakten (auch soweit D. seine Vorwürfe nur in die Form rhetorischer Fragen kleidet). Da Freiburg – meine Studienuniversität vor 30 Jahren – und Bonn – meine Lehrstätte seit mehr als 15 Jahren – besonders angesprochen sind, kommt mir eine Entgegnung wohl durchaus zu. Allerdings kann wegen Raummangels der Redaktion nur das Wichtigste herausgegriffen werden.

1. Erneuerungsbedürftig ist (sit venia verbo) mehr oder weniger alles – natürlich z. T. auch der Rechtsunterricht an den Hochschulen. D. verweist auf die Denkschrift „Die Ausbildung der deutschen Juristen“ (Tübingen, Verlag Mohr, 1960). Es genügt zu berichten, daß alle Rechtsfakultäten, nachdem viele Bemühungen vorangegangen waren, hierüber im Jahre 1961 eingehend in Tübingen beraten haben und die Erörterungen hierüber weitergehen – in Bonn mit größtem Reformeifer, wobei während der letzten Beratung die Fakultät, einige beigezogene Praktiker und der Vertreter der Studentenschaft in allen Punkten übereinstimmten. – Im übrigen sind schon längst wichtigste Neuerungen eingeführt worden: Wir haben bestens besuchte Repetitions- und Klausurenkurse an der Universität; außerdem werden neben allen Anfängervorlesungen seit Jahren durch hervorragende Kräfte sog. Ergänzungskurse (für Gruppen von ca. 30 Teilnehmern) gehalten; hier kommt auch der Studienanfänger mit seinen Fragen und Zweifeln ausgiebig zu Wort.

2. Es wird nicht geleugnet, daß es auch einmalwenig ansprechende oder gar, langweilige Vorlesungen gibt. Der Student hat dann bekanntlich die volle Freiheit, diesen Dozenten nicht zu hören und auf den interessanteren Vortrag eines anderen im späteren Semester zu warten. Die generelle Feststellung von D., es werde stets „möglichst nüchtern und trocken“, in „völliger Humorlosigkeit“ Kolleg gehalten, oft schliefen alle Hörer ein, widerstreitet einfach den Tatsachen. Wer regelmäßig kommt und sich interessiert, wird meist durchaus angesprochen – selbst in so schwierigen Materien wie etwa Prozeßrecht. Nicht zu übersehen ist aber auch, daß die akademische Freiheit in den ersten Semestern von etlichen zur Trägheit und Unregelmäßigkeit mißbraucht wird und daß es schließlich auch eine Menge total Ungeeigneter gibt. Wem dann die Anfangsprobleme nicht klargeworden sind, dem fehlt die Basis, auf der allein weiter aufgebaut werden kann. Und die Endstation ist danach notwendigerweise beim Privat-Repetitor (der als Wiederholer durchaus seine Funktion hat, auch Vorlesungslücken ergänzen mag, der aber nicht Universitäts-Ersatz sein kann und darf). Nebenbei bemerkt: Werden nicht gerade dort die „Examensgerüchte“ gepflegt, damit das Haus voll werde? – Wer eine Vorlesung an der Fakultät nicht regelmäßig hat besuchen können oder den Stoff aus anderen Gründen noch nicht verstanden hat, ist stets dazu aufgefordert, die entsprechende Veranstaltung (etwa bei einem anderen Dozenten) zu wiederholen (wozu es sogar Gebührenermäßigung gibt).

3. Auch betr. die Reihenfolge der Vorlesungen hat der Student volle Freiheit. Ein echtes Grundübel – hier stimme ich D. vollauf zu – besteht darin, daß der Studiosus zu Beginn viel zu viele Kollegs belegt, den Stoff dann nicht zu Hause oder in der Bibliothek durcharbeiten sowie an Hand von Lehrbüchern ergänzen kann und darum nichts oder zu wenig „hängenbleibt“. Zwei bis drei Kernvorlesungen (mit je vier bis fünf Wochenstunden) in den ersten Semestern genügen vollauf.

Sieben bis acht Semester benötigt der heutige stud. iur. mindestens, wie seit vielen Jahren bereits der „Bonner Studienführer“ darlegt.

4. Es ist fast eine Verleumdung zu sagen, der Professor bringe keine „drastischen und einprägsamen Beispiele“ und es komme nicht zu einem Gespräch in der Vorlesung. Noch zum Schluß des letzten Semesters hat der Verfasser dieser Zeilen bei Leistungsprüfungen festgestellt, daß seine Kolleg-Beispiele fast genau reproduziert wurden. Zu einem Problem hatte er nicht weniger als zehn Beispiele gebracht, ehe er auf die Sache selbst einging. Im übrigen melden sich die Hörer laufend während seines Vortrags mit Fragen; auf alles wird eingegangen. – Andere Dozenten verfahren ähnlich oder sollten durch die Studenten viel mehr durch Fragen angesprochen werden.

5. Schon hieraus ergibt sich, daß die Universität es – entgegen D. – durchaus versteht, auch beim jur. Anfänger Interesse zu wecken. Es ist ferner ein absolut ungerechtfertigter Vorwurf von D., „dramatische Grenzfälle von Recht und Ethik“, die Spannung zwischen „Zielen der Rechtsordnung und richtiger Gerechtigkeit“ kämen im Kolleg nicht zur Sprache. Genau das Gegenteil ist zutreffend: für das Strafrecht, für das Prozeßrecht, für das Zivilrecht usw. Ich lade alle Andersüberzeugten zum Besuch einer Vorlesung ein.