Von Kurt Kusenberg

Im Straßenbild kommen sie nur noch vereinzelt vor, und wo sie sich massieren, ist bestimmt ein kulturbeflissenes Institut in der Nähe – eine Rundfunkanstalt, ein Verlag, ein Theater oder dergleichen. Denn mit den Musen haben diese Leute etwas im Sinn, unmittelbar oder mittelbar; die Baskenmütze auf ihrem Kopf meldet einen Anspruch an. Befragte man sie, warum sie keinen Hut tragen, sondern eine Baskenmütze, kämen sie freilich mit Ausreden: Das Ding sei so praktisch, der Wind könne es nicht fortwehen, es lasse sich bequem in die Tasche stecken und so fort. Doch das sind, wie gesagt, Ausreden. In Wirklichkeit wollen die Leute mit den Mützchen dartun, daß sie eine künstlerische Ader haben.

Die Baskenmütze, in Spanien, in Frankreich zu Hause, ist dort eine nationale Kopfbedeckung für arm und reich, sie meint keinen bestimmten Stand, Nach dem Ersten Weltkrieg sickerte sie bei uns ein, als Attribut der Maler, Bildhauer und Literaten. Eine Baskenmütze tragen, hieß damals soviel wie: Achtung, hier kommt ein unbürgerlicher Mensch, ein Bohemien, der Pariser Pflaster getreten hat! Der Zweite Weltkrieg hat da einiges geändert. Ein Künstler von heute, der auf sich hält, trägt nicht mehr das Symbol seiner Kunst auf dem Kopf – es sei denn, er ist so alt, daß er sich nicht mehr umgewöhnen kann, oder so provinzlerisch, daß die Kunde vom Niedergang der Baskenmütze ihn noch nicht erreicht hat.

Denn es steht so: Die Baskenmütze ist zwar nicht gestorben, aber sie ist abgesunken – zu den Halb-Künstlern, den Auch-Künstle.n und zu jenen netten, rührenden Leuten, die eigentlich aus ihrem Leben etwas anderes machen wollten, als das Leben aus ihnen gemacht hat. Über die Halb-Künstler brauchen wir nicht viel zu sagen. Dem Sog der Zeit folgend, haben sie sich dort versammelt, wo eine große Apparatur mit musischem Futter versorgt werden muß. In den Höfen und Gängen der Rundfunkstationen, der Fernsehstudios tragen sie ihre Mützchen spazieren, da sind sie ganz unter sich. Und die anderen?

Die anderen, Herren mit grauer Schläfe zumeist, melden eben jenen Anspruch an: daß in ihnen mehr steckt, als ihre Erscheinung vermuten läßt; die Baskenmütze wird zum großen „Eigentlich“. Der Dramaturg, der eigentlich ein Dramatiker, der Lektor oder Redakteur, der eigentlich ein Schriftsteller, der Germanist, der eigentlich ein Dichter, der Photograph, der eigentlich ein Maler, der Versicherungsagent, der eigentlich ein Schauspieler, der Gastwirt, der eigentlich ein Sänger werden wollte; Sie alle, die nach Brot gehen mußten, anstatt nach dem Lorbeer zu greifen – sie die tragen die Baskenmütze. Sie tragen sie halb wie ein wehmütiges Andenken an verlorene Illusionen, halb wie eine Mahnung (oder Warnung), daß mit ihnen und ihren Gaben durchaus noch zu rechnen sei.

Wir wollen sie nicht belächeln, diese geheimen, enttäuschten, hartnäckigen Aspiranten, denn auch sie sind Jünger der Kunst, auf ihre Art. Sie stehen in Vorhof, den Blick auf den Tempel gerichtet, den sie nie betreten werden. Die Baskenmütze aber, obwohl im Hutgeschäft zu haben und bei starkem Wind zu empfehlen, ist ein Romantizismus.