Die Meinungen über die Aufwertung sind gespalten. Man lobt einerseits die zu erwartenden konjunkturdämpfenden Folgen und damit verbunden die preisstabilisierten, wenn nicht gar billigeren Märkte. Man erkennt des weiteren ein steigendes Vertrauen des Sparers in den Geldwert und hofft auf seine zunehmende Neigung, für die Zukunft vorzusorgen, etwas auf die Bank zu legen. Andererseits ist man aber betrübt über den Verlust an Aufträgen; man fürchtet – vorerst einmal im Ausland – den sellers-market und die damit zusammengehenden engeren Gewinnspannen.

Was ist nun an dieser Kontrastzeichnung wahr, was ist Dichtung, interessengebundene Meinungsmache? Der Effekt der Aufwertung, das dürfen auch die Theoretiker zugeben, ist auf längere Sicht im Augenblick nicht abzumessen. Wie bei den meisten objektiv-wissenschaftlich begründeten wirtschaftspolitischen Aktionen spielt in der Durchführung immer ein beachtliches Quentchen Psychologie mit. Noch so gute Schätzungen und rechnerische Vorarbeiten können durch eine unglückliche Formulierung oder unbeholfene Bekanntmachung, durch „undiplomatische Präsentation“ verdorben werden.

Hat die Bundesregierung absichtlich, so möchte man fragen, die absatzdämpfende, preissenkende Wirkung der Aufwertung herausgestrichen, um so den deutschen Konjunkturrittern auf die Finger zu klopfen und ihnen mittels ein wenig Angst etwas Vernunft beizubringen? Die Wechselkursänderung von 5 vH kann aber eine solche Bremswirkung niemals haben. Der Erfolg wird also in dieser Hinsicht fraglich sein. Die großen Produzenten, jene also, die seit Jahren durch den Motor enormer Eigenfinanzierung getrieben werden, können kaum gestoppt werden; die mittleren und die am Rande des Marktes kämpfenden Unternehmer dagegen werden die 5 vH als hart empfinden – besonders wenn sie in ihrem Geschäft weitgehend vom Ausland abhängig sind (Reedereien, Werften, usw.). Ist außerdem eine Branche besonders importempfindlich, so kann sie selbst – in die Enge getrieben – nur auf die Kosten drücken und sie wird dies (so vermuten jedenfalls die Gewerkschaften) vielleicht auch bei den Löhnen zuallererst versuchen. Man hat – so will uns scheinen – durch die Betonung der Bremsleistung dieser Aufwertung die Fronten der Industrie, des Gewerbes, des Handels und zudem noch die sozialen Parteien der Arbeitgeber und Arbeitnehmer geschlossen. Die Bereitschaft, sich einer gesamtwirtschaftlichen Ratio zu beugen und Disziplin zu halten, wird nicht allzu groß sein. Ist nicht immer jene Mäßigung und Beschränkung die beste, die sich der andere auferlegt?

Aus einigen Verlautbarungen spricht die Hoffnung auf sinkende Preise. Wenn man viel erwarten darf, meinen wir, so höchstens nicht im gleichen Tempo steigende Preise, bestenfalls gleichbleibende Preise. Die direkten Aufwertungsgewinne auf den Importen werden aber nur in den wenigsten Fällen dem Konsumenten weitergegeben. Die Abschläge sind zu klein, als daß sie sich durch alle Gewinn- und Vertriebsspannen „durchfressen“ könnten. Mineralölprodukte, Kaffee, Kakao, Rosinen, Südfrüchte u. a. m. werden kaum wohlfeiler werden, und auch die ausländischen Fertigprodukte können mit dem 5-v-H-Vorsprung auf dem deutschen Markt wenig anfangen. Wir müssen trotzdem versuchen, das Preisbewußtsein des deutschen Verbrauchers zu schärfen. Die häufige Frage „Was kostet dies?“ und seine Bereitschaft, einmal ein preisgünstigeres Produkt zu suchen und vorzuziehen, mag manchem Hersteller und vielen Händlern zu denken geben und sie zur Überprüfung ihrer Kalkulationen verleiten.

Die heftige Ablehnung welche die Aufwertung bei einigen Wirtschaftszweigen gefunden hat, darf einmal mehr daran erinnern, daß es neben den konjunkturerhitzten Wirtschaftszweigen auch normal arbeitende und gar einige stagnierende Branchen gibt. Diese zu schützen und vor den Aufwertungsfolgen zu bewahren, mag bald zu einer Gewissensfrage wirtschaftspolitischen Gerechtigkeitssinnes – im Wahljahr vielleicht zu einer Kernfrage innerpolitischer Klugheit werden. Die geschädigten Interessen werden sicher den Gang nach Bonn nächstens unter die Füße nehmen. Sie sitzen womöglich schon in den ministeriellen Vorzimmern. Man spricht jedenfalls nicht erst seit dem 4. März von Härtefonds, die den Schwachen im wirtschaftlichen Kampf Unterstützung leihen sollen. Rle.