Von Hans Gresmann

den Haag, im März

Am Plein 23 in ’s-Gravenhage, der niederländischen Hauptstadt, die unter ihrem anderen Namen – Den Haag – im Ausland weit besser bekannt ist, liegt ein nicht eben großes Gebäude. So unauffällig ist seine Fassade, daß man’s leicht für ein Privathaus halten könnte, trüge es nicht am Portal ein kleines Schild mit der Aufschrift: Ministerie van Buitenlandse Zaken. Daß hier, am Eingang des niederländischen Außenministeriums, kein Gold prangt und kein Wappen, mag eine Nebensächlichkeit sein – eine Nebensächlichkeit freilich, die den Stil, der in diesem Hause herrscht, recht gut charakterisiert.

Wer sich ein wenig in den Korridoren und Büros dieses Ministeriums umgesehen hat, empfindet sogleich: Hier findet sich kaum etwas von der sachlichen Modernität des Auswärtigen Amtes in der Koblenzer Straße zu Bonn, nichts indes auch von jener Atmosphäre sorgsam gepflegten Pompes, wie sie am Quai d’Orsay in Paris anzutreffen ist. Und doch fühlt sich der Besucher an irgend etwas erinnert. Er trifft auf Beamte in taillierten, etwas zu knappen Tweedjacketts, sieht auf mancher Diplomatenoberlippe einen Schnurrbart, schmal und gepflegt, und spürt in den Gesprächen eine Manier, gemischt aus Korrektheit, Aufgeschlossenheit und betonter Distanz, die er nicht anders zu bezeichnen weiß als – englisch.

Ja, dies ist wohl das treffende Wort. Im Ministerie van Buitenlandse Zaken fühlte ich mich tatsächlich ein wenig wie im Foreign Office. Überraschend war das zunächst. Als ich im Angesicht eines befrackten Vorzimmer-Souveräns auf den Hausherrn wartete, sann ich noch immer auf eine Erklärung. Aber plötzlich wurde alles ganz verständlich: Ein paar Kilometer von hier liegt Scheveningen, die Küste, dann ein bißchen Wasser – und schon kommt England. Es gibt keine kontinentale Hauptstadt, die geographisch so nahe bei London läge. Die engen Handelsbeziehungen und die kulturellen Kontakte reichen Jahrhunderte zurück. Und ein übriges haben die beiden Weltkriege – vor allem der letzte – getan: Die königliche Familie im Exil in England, die britische Insel als letzte Freiheitsbastion Europas – dies sind doch wohl historische Reminiszenzen, die prägend wirken. Gerade in einem kleinen Land, das sich – fern von aller Machtpolitik – irgendwo anlehnen muß, um weiterzubestehen.

Den Haag nun gut, liegt nahe bei London. Daß diese Feststellung allerdings nicht nur historische, sondern auch höchst aktuelle politische Bedeutung hat, hängt zu einem guten Teil mit eben jenem Politiker zusammen, dem ich nun in seinem Arbeitszimmer gegenübersitze: Außenminister Luns. Seit ein paar Wochen hat er sich den Ruf erworben, so etwas wie ein „europäischer Rebell’ zu sein. Er war es, der bei der Pariser Februarkonferenz der EWG-Regierungschefs hartnäckig zu verhindern wußte, daß sich aus den sechs Kontinentalstaaten ein politischer Block nach dem Wunsche de Gaulles forme: ein von Paris, wenn nicht gelenktes, so doch inspiriertes Europa – ein Europa ohne England.

So ist Joseph M. A. Luns, der vor kurzem noch so gut wie unbekannt war außerhalb der Grenzen Hollands, gleichsam über Nacht zu einer der bekanntesten und vielleicht wichtigsten Figuren im europäischen Kräftespiel geworden. Der baumlange Niederländer (von den EWG-Regierungschefs ist er der einzige, der dem General de Gaulle sozusagen aus gleicher Höhe in die Augen sehen kann) hat als Berufsdiplomat eine steile Karriere hinter sich. Nach Studienjahren in Leiden, Amsterdam und London trat er 1938 in den diplomatischen Dienst seines Landes. Er war Attaché in Bern und Lissabon und kam 1943 als Botschaftssekretär nach London. Dort blieb er bis 1949, und vielleicht bieten diese sechs Jahre an der Themse eine hinreichende Erklärung dafür, daß auch ihm, dem Minister, viel von jenem angelsächsischen Habitus anhaftet, der mir schon bei seinen Mitarbeitern aufgefallen war.