Nun – in dieser Hinsicht sind die Erfahrungen für ein abschließendes Urteil noch zu frisch; aber sie sind aufschlußreich genug, um Vertrauen einzuflößen und zu Hoffnungen zu berechtigen. Der Zeitabschnitt, in welchem die Anhäufung feindseliger Ressentiments zum Haß führte, war sehr kurz, viel kürzer als nach 1918. Fünf Jahre nach der bedingungslosen Kapitulation des Dritten Reiches war es immerhin möglich, den Schuman-Plan in die Wege zu leiten und die europäische Kohle- und Stahl-Gemeinschaft zu begründen. Der Plan der europäischen Verteidigungsgemeinschaft löste in Frankreich endlose und leidenschaftliche Debatten aus, die noch einmal die deutschfeindlichen Gefühle hochschwemmten. Aber die parlamentarische Abstimmung gegen die europäische Verteidigungsgemeinschaft mutet rückblickend wie eine unbedeutende Nebenerscheinung der französisch-deutschen Verständigung und der europäischen Integration an. Weder das Euratom noch der Gemeinsame Markt haben zu einer Polemik geführt. Die Fünfte Republik löste die Verpflichtung ein, welche die Vierte Republik eingegangen war. Der Ministerpräsident Michel Debré billigte den Vertrag von Rom, den der Senator. Debré bekämpft hatte. Natürlich gibt es Meinungsverschiedenheiten bei den Franzosen und wahrscheinlich auch bei den Deutschen – sowohl über die Methoden als auch über die Ziele der europäischen Integration, die einen denken mehr an eine Föderation, die anderen nur an eine Konföderation. Aber die Zusammenarbeit der „Sechs“ ist kaum noch in Frage gestellt: Da die Kommunisten ausgeschaltet sind, herrscht so etwas wie nationale Einmütigkeit.

Warum hat die französische Öffentlichkeit dem Deutschland und den Deutschen des Zweiten Weltkrieges offensichtlich leichter verziehen als denen des Ersten Weltkrieges? Ist das nicht paradox? Im Deutschland Wilhelms II. hatte es nichts gegeben, was den Konzentrationslagern oder der Vernichtung von Millionen Juden in den Gaskammern ähnlich gewesen wäre. Vielleicht sind gerade die unvorstellbar schrecklichen Verbrechen der Nazis eine Ursache für die Schhelligkeit, mit der die Franzosen in der Geschichte beider Völker ein neues Kapitel aufgeschlagen haben. Fast möchte ich sagen: Der Zweite Weltkrieg ist von der großen Masse der Franzosen gar nicht als französischdeutscher Krieg empfunden worden.

Die Nazis waren nicht mehr die Deutschen von einst, wie die Kommunisten nicht die Repräsentanten des ewigen Rußland sind. Auch hatten die Nazis es nicht ausschließlich auf Frankreich abgesehen. Sie mußten Frankreich nur ausschalten, um ihre Eroberungsgelüste im Osten verwirklichen zu können. Der Frankreichfeldzug war bloß eine Episode des gewaltigen Dramas, dessen Bühne die ganze Welt darstellte. Nach 1918 hatten die ziemlich angeschlagenen Franzosen Mühe, dem Feind einen kostspieligen, wenn auch ruhmvollen Sieg zu vergeben, der doch mir eine Etappe auf dem Wege ihres Verfalls war. (Diesmal scheint das englische Volk so zu reagieren.) Nach 1945 waren alle Völker des Kontinents geschlagen. Eine französisch-deutsche Kraftprobe hatte gar keinen Sinn mehr. Aus den Trümmern ging eine neue Welt hervor. Die europäische Einheit, die heute geschaffen wird, sieht sich als Teil der atlantischen Welt an. Sie wird vom Widerstand gegen die

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sowjetische Expansion, zugleich aber auch von neuen politischen Gedanken belebt. Sie ist nicht antikommunistisch aus Prinzip, sondern aus Notwehr. Sie ist das Mittel, durch welches das Erbe der Jahrhunderte bewahrt und die Kulturwerte der europäischen Nationen gerettet werden können, indem diese Nationen vereint wieder zu der Macht gelangen, über die sie einzeln nicht mehr verfügen.

Deswegen sind Franzosen und Deutsche von der Geschichte dazu ausersehen, gemeinsam zu handeln – innerhalb ihrer Grenzen auf einem Gemeinsamen Markt und – morgen vielleicht – im Rahmen einer Konföderation. Die entscheidende Zwiesprache beider Völker und beider Kulturen wird nicht mehr im Schatten kriegerischer Auseinandersetzungen stattfinden, sondern mit der Devise: Europa, Frieden, Demokratie. Und doch drängt sich da unwillkürlich eine Frage auf: Was wird bei dieser Zusammenarbeit, bei dieser Gemeinschaft Fruchtbares herauskommen?

Ungewiß ist es, ob der Wandel in den politischen Beziehungen einen wesentlichen Einfluß auf das Kulturleben ausüben wird, wie man vielleicht annehmen könnte. In den letzten beiden Jahrhunderten, in denen die diplomatische Feindseligkeit nahezu konstant gewesen ist (sofern man für diesen Fall Preußen und Deutschland einander gleichsetzen darf), ist der Ideenaustausch zwischen beiden Ländern ebenfalls absolut konstant geblieben. Die französische Philosophie nach 1945 verdankt viel der deutschen Philosophie der letzten oder gar der letzten beiden Generationen. Sartre wäre ohne Husserl und Heidegger nicht das, was er ist. Und wenn heute die französische Literatur und das französische Denken das intellektuelle Leben Deutschlands beeinflussen, so war es noch vor zwanzig Jahren genau umgekehrt. Zur Zeit entdecken die Deutschen für sich selber, was die französischen Autoren ihnen in anderer Form, vielleicht sogar angereichert, wieder zurückerstatten. Wie die Feindseligkeiten der Staaten die Zwiesprache der Kulturen nicht unterbrochen haben, so wird die europäische Integration diese wohl begünstigen, ohne sie jedoch – wie mir scheint – wesentlich zu verändern.