Wenn es nicht Pflichtbewußtsein einem Klassiker gegenüber, sondern Entdeckerfreude ist, die den Leser von Seite zu Seite eilen läßt, dann ist es aufs beste um ein Buch bestellt. Gar nicht aus der Mottenkiste hervorgeholt, wenn auch trotz seines Alters – der Autor starb bereits 1910 – hierzulande noch fast unbekannt, ist

Jules Renard: „Naturgeschichten“, Nachwort von Wilhelm Lehmann, Illustrationen von Bonnard; Manesse Bibliothek der Weltliteratur, Manesse Verlag, Zürich; 243 S., 8,30 DM.

Es sind Geschichten ohne Handlung, statische Bilder. La Fontaine und La Bruyere haben dabei Pate gestanden und ein wertvolles Angebinde gestiftet: liebevolle Beobachtung und Prägnanz des Ausdrucks. In seinem Bemühen um Wahrhaftigkeit – „schreiben heißt fast immer lügen“, sagte er einmal – gibt Jules Renard in diesen feinziselierten Naturgeschichten, von denen einige die Kürze und Vollkommenheit japanischer Haikus erreichen, nur dem Wesentlichsten Raum. Seine Kunst ist die Kunst des Aussparens: „Um Vollendung zu erreichen, muß man vielleicht von seinem Werk das Schönste opfern“ – eine Weisheit, die vielen Dichtern und Schriftstellern von Nutzen wäre.

Renard schildert die Natur, ohne je ins Sentimentale abzugleiten. Aber er nimmt sie so ernst, daß er sie zu ironisieren vermag: „Die Wespe – Sie wird ihre Taille schließlich doch noch ruinieren.“ Er vermenschlicht Tiere nicht, aber er versucht, eine Beziehung des Menschen zum Tier herzustellen, so nah wie möglich heranzukommen. Der Eidechse ist er dankbar, daß sie ihn für eine Mauer hält, und von den Bäumen lernt er das Schweigen, Katharina Hoke