B. K., Berlin, im März

Die Sowjetzonenregierung hat am vergangenen Wochenende ihren kurzen Waffenstillstand mit der evangelischen Kirche in Deutschland beendet. Es wird wieder scharf angegriffen. Den Anlaß dazu bot der Beschluß des Kirchentagspräsidiums, den 10. Deutschen Evangelischen Kirchentag doch – wie es seit Anfang vorigen Jahres geplant war – nach Berlin einzuberufen. Ein paar Wochen lang war auch Leipzig im Gespräch gewesen.

Die Aussicht auf einen gesamtdeutschen Kirchentag in einer Stadt der Sowjetzone hatte zunächst etwas Faszinierendes. Doch zeigte sich bald die Kehrseite dieser Chance. Die Mitglieder des Vorbereitenden Ausschusses des Kirchentages hatten in ihren Verhandlungen achtzehn Wünsche formuliert, deren Erfüllung als Voraussetzung dafür angesehen wurde, daß man den Kirchentag in der Zone abhalten könne. Der wichtigste Punkt war die Garantie für die Verkündigungsfreiheit aller Bischöfe und Präsides. Als einziger Ort, der in Betracht gezogen werden konnte, wurde Leipzig genannt.

Die verantwortlichen Männer des Kirchentagspräsidiums bemühten sich, alle Möglichkeiten im Gespräch mit den Ostberliner Stellen – dem Staatssekretariat für kirchliche Angelegenheiten und dem Innenministerium – auszuschöpfen. Grundlage war dabei der einstimmige Beschluß der gesamtdeutschen Synode, die Einheit und die Gemeinschaft der evangelischen Christen nicht durch staatlichen Eingriff sprengen zu lassen.

Die Sowjetzonenregierung sagte großzügige technisch-organisatorische Hilfe zu, aber sie blieb hart in der Reisesperre für die Bischöfe Dibelius und Lilje, für den Leiter der Militärseelsorge, Prälat Kunst und für den Hamburger Theologieprofessor Thielicke. Am 3. März einigte sich das Kirchentagspräsidium in geheimem Beschluß auf den Ort des Kirchentags. In der Woche, die bis zur Veröffentlichung dieses Beschlusses verging, wäre noch eine Einigung möglich gewesen. Sie kam nicht zustande, weil die Sowjetzonenregierung bei der Diskriminierung von vier evangelischen Christen blieb. Und damit blieb es auch beim Kirchentag in Berlin.

Die Sowjetzonenpropaganda reagierte wie erwartet. Bei dem Beschluß des Kirchentagspräsidiums habe sich „die Militärkirchengruppe im Kirchenamt des Straußschen Kriegsministeriums“ durchgesetzt, so hieß es. Die „Neue Zeit“, das Blatt der Ost-CDU, schrieb: „Weil vier Persönlichkeiten der Evangelischen Kirche in Deutschland wegen ihres sattsam bekannten Eintretens für den NATO-Kurs in Leipzig unerwünscht sind, wird die Manifestation der Einheit der glaubenden Gemeinde geopfert.“

Trotz allem ist die Leitung des Deutschen Evangelischen Kirchentages entschlossen, die Veranstaltungen in Berlin von politischem Mißbrauch und politischer Mißdeutung freizuhalten. Das ist die Antwort von Christen, die sich unter einer geistlichen Losung zu versammeln wünschen und die sich weder entzweien noch politisieren lassen wollen.