London, im März

Londoner Filmpremieren werden immer mehr zu großen gesellschaftlichen Ereignissen aufgeplustert. Sie machen zuweilen den eigentlichen Zweck vergessen, nämlich, einen neuen Film zu sehen; es scheint in der Tat bedeutend wichtiger zu sein, gesehen zu werden und zu erforschen, wer sonst noch da ist und mit wem. Außerdem ist es dringend wünschenswert, auf die Platte der Pressephotographen zu kommen – wenn auch nur im unscharfen Hintergrund –, sobald Angehörige des königlichen Hauses solchen Premieren die letzte Würze geben. Aber ganz abgesehen davon: Man beweist auch gern, daß man konservativ ist und lieber einen Film sieht, statt – wie „alle“ – vor der Fernsehtruhe zu sitzen. Seit es nämlich so an die zehn Millionen Fernsehgeräte im Inselreich gibt, gehört es zum guten Ton, keinen Apparat zu haben oder wenigstens zu sagen, man blicke kaum auf den Bildschirm ...

Die Premiere hat sich diesmal in jeder Hinsicht gelohnt, für Premierentiger – alles, was Namen, Rang und Klang hat, war dabei –, aber auch für Filmbeflissene: „Pepe“ ist eine heitere Insel inmitten unserer schlimmen Zeit.

Der Film ist ein Aschenbrödelmärchen, in dem ein Mann – der mexikanische Komiker Cantiflas – die Titelrolle spielt. Und da es sich um ein amerikanisches Aschenbrödelmärchen handelt, spielt darin nicht der Prinz (oder hier die Prinzessin) die Hauptrolle, sondern das Geld. Trotzdem, das Märchen ist zauberhaft; es ist ein Kaleidoskop von Humor, Drama, Burleske, Musik und Gesang. Der Film verstößt mit Eifer gegen die dramaturgischen Gesetze seiner Gattung, aber er ist dennoch eine höchst unterhaltsame Begegnung zwischen Wirklichkeit und Phantasie. In den Lehrgängen der Filmseminare wird gelehrt, ein Film müsse glaubwürdig sein: Diesem Film glaubt man nichts! Ein anderer Grundsatz verlangt, unbedingt die Einheitlichkeit des Stils zu wahren: „Pepe“ gleitet von einem Stil in den anderen.

Die story dieses extravaganten Films strengt die Intelligenz keineswegs an. Man kann sie in einigen Sätzen erzählen: Pepe (dargestellt von Cantiflas) arbeitet auf einer mexikanischen Pferdezucht-Ranch in der Nähe von Acapulco, dem Spielplatz reicher Amerikaner. Seine ganze Liebe gehört einem weißen Zuchthengst mit dem schönen Namen „Don Juan“. Bei einer Auktion wird der Schimmel über Pepe’s Kopf an einen Regisseur aus Hollywood ( Dan Dailey) verkauft. Dieser Regisseur hofft, sich mit dem Pferd bei einem Produzenten (Edward G. Robinson) einzuschmeicheln: Er will sein Come-back feiern und einen Film inszenieren.

Pepe freilich folgt dem Regisseur in die Traumfabrikstadt, um „Don Juan“ mit seinem ersparten Geld zurückzukaufen. Natürlich gelingt das nicht so einfach. Außerdem dauert der Film volle drei Stunden – und da muß noch viel passieren.

Der liebenswürdige Pepe sorgt nun erstens dafür, daß man Hollywood, Las Vegas, Acapulco und Mexiko in glühenden Technicolorfarben zu sehen bekommt und zweitens – so ganz nebenbei – an die dreißig Hollywoodstars, die entweder sich selbst spielen oder den Eulenspiegel in Pepe wecken. So tritt Frank Sinatra als Spielbankbesitzer in Las Vegas auf, wo Pepe mit einem Einsatz von drei Dollar allmählich 250 000 Dollar gewinnt und das Geld sogleich dem Regisseur gibt, damit der seinen Film beginnen kann. Nicht ohne Grund: Da ist nämlich eine kleine Bondine (Shirley Jones), die sich zum Filmstar berufen fühlt, und Pepe möchte ihr die Hauptrolle verschaffen.