In den Gläsern der westdeutschen Aussteller schäumte diesmal kein Sekt, als Walter Ulbricht mit seinem großen Gefolge erschien und eine süßsaure Phrase ins Kruppsche Gästebuch schrieb. Diese Geste widerfuhr der sowjetzonalen Regierungsdelegation bei der Eröffnung der Leipziger Frühjahrsmesse 1961 dafür nicht ohne Grund bei den Engländern: Die Zone hofft, sich über engere und länger befristete Handelsabkommen zu Großbritannien ein Handelsabkommen und damit die Defacto-Anerkennung einzuhandeln, und die Briten fragten sich, warum sie die „goldene Gelegenheit für Geschäfte mit dem ostdeutschen Markt“ nicht nutzen sollten, wie es die Bundesrepublik tue.

Die westdeutschen Aussteller hielten sich indessen auf dieser Messe, die den Veranstaltern mehr zu politischen als zu wirtschaftlichen Zwecken dient, zurück. Man erinnerte sich an die Kritik, die die politisch ungeschickten Äußerungen in vorigen Jahr hervorgerufen hatten, und außerdem war die Stimmung leicht gereizt, weil nur wenige Aussteller ihre angestammten Plätze wieder erhalten hatten. Mit dem Hinweis auf die Auseinandersetzungen im Interzonenhandelsverkehr gab Ulbricht die Erklärung: „Wundern Sie sich nicht, meine Herren, daß Firmen anderer Länder Ihnen die Geschäfte vor der Nase wegnehmen, wenn die Bonner Regierung dauernd Sprünge macht, statt sachlich Handel zu treiben.“ Im bunten Flaggenspalier Leipzigs fehlte auch die schwarzrotgoldene Fahne der Bundesrepublik, dafür wehte nach langer Zeit wieder einmal das Sternenbanner an der Pleiße: Einige amerikanische Stahl-Konzerne hatten sich zum Stolz der Zonenmachthaber eingefunden.

Nicht geändert hat sich die Gastfreundschaft der Leipziger, denen das Ereignis wenigstens für kurze Zeit ein paar ungewohnte Genüsse eintrug. Ihr Bemühen um die Fremden hatte freilich dort seine Grenzen, wo Aufgeschlossenheit und Planmängel aufeinanderstießen: Es war zuweilen schwer, ein Unterkommen zu finden. sa