Von Marion Gräfin Dönhoff

Bevor der polnische Außenminister Rapacki Wien verließ, sagte er auf einer Pressekonferenz: "Niemand hat Polen einen konkreten Vorschlag für die Normalisierung der Beziehungen mit der Bundesrepublik unterbreitet Er fügte hinzu: "Was die Ersatzlösungen für diplomatische Beziehungen anbelangt, so ist seit langem bekannt, daß wir sie weder für richtig noch für zweckentsprechend halten."

Endlich also löst sich das Rätsel, das die Vorgänge um den Beitz-Besuch so geheimnisvoll umgab. Rekapitulieren wir: Im Dezember war der Krupp-Generalbevollmächtigte Bertold Beitz zur Jagd in Polen. Am 10. Januar sagte Bundeskanzler Adenauer vor der CDU-Fraktion: "Es wäre gut, wenn wir in ein besseres Verhältnis zu Polen kämen." Am 22. Januar reiste Beitz, diesmal im Auftrag, des Kanzlers, wieder nach Warschau. Bei seiner Rückkehr empfahl er die Errichtung von Handelsmissionen. Jedermann glaubte, nun würden endlich die Verhandlungen mit Warschau beginnen, da lehnten zur allgemeinen Überraschung die Polen plötzlich jedes Gespräch über Handelsmissionen entrüstet ab.

Dieser unverständlichen Entwicklung liegt offenbar folgendes zugrunde: Der "Sonderreisende" Bertold Beitz berichtete nach seiner Rückkehr aus Warschau, es gehe den Polen um Etablierung normaler Beziehungen. Nun sind normale Beziehungen zwischen souveränen Staaten diplomatische Beziehungen, und dies wiederum heißt: Austausch von Botschaftern oder Gesandten. Konsularische Beziehungen hingegen werden nicht als diplomatische bezeichnet. Für Bertold Beitz jedoch sind normale Beziehungen begreiflicherweise Handelsbeziehungen, und mithin empfahl er die Errichtung von Handelskonsulaten.

Weder der Außenminister, noch der Bundespressechef von Eckardt, noch. Staatssekretär Globke waren zugegen, als Beitz nach seiner zweiten Reise dem Bundeskanzler berichtete – und so klärte sich dieser Irrtum erst auf, als die verärgerten Polen in aller Öffentlichkeit erklärten, nie würden sie sich mit Handelskonsulaten zufrieden geben, ihnen gehe es um diplomatische Beziehungen.

Aber auch Rapacki unterlag einem Irrtum. Bei jener Pressekonferenz hat er den von Adenauer skizzierten Nichtangriffspakt mit der Begründung weit von sich geschoben, es komme zunächst auf eine Änderung der Bonner Politik zum Guten an: "Ein Prüfstein für die Änderung der bisherigen Politik der Bundesregierung wäre der Verzicht auf Revisionismus", so sagte er.

Wie bitte, Revisionismus als bisherige Politik der Bundesregierung? Hat nicht das Parlament einstimmig, hat nicht der Bundeskanzler mehrmals erklärt, niemals würden wir versuchen, die Ostgebiete mit Gewalt wieder an uns zu bringen? Ist je zuvor in der Geschichte von irgendeinem Volk feierlich und verbindlich eine solche Erklärung – der sich selbst die Flüchtlingsverbände angeschlossen haben – abgegeben worden?