Ärger in Berlin: Ost-Fernsehen mit West-Technik

b. k. Berlin

Mehr als 250 000 Westberliner Fernsehkunden waren in den ersten Märztagen entrüstet. Allabendlich, wenn sie das vom Sender Freies Berlin hereingeholte und weiterverbreitete westdeutsche Programm sehen wollten, hatten sie wenig Freude. Der Empfang war gestört, das Bild verzerrt. Durch ein eingeblendetes Diapositiv wurde den enttäuschten Zuschauern zwar gelegentlich mitgeteilt, daß daran gearbeitet werde, den Schaden zu beheben.

Aber der Erfolg war nicht ermutigend – er konnte es auch nicht sein, denn die Bundespost hatte vom Sender Torfhaus her auf eine Art von Notbrücke umgeschaltet, die für atmosphärische Störungen besonders anfällig ist. Die bewährte und sonst stets benutzte Richtfunkstrecke aber stand den Fernsehfunktionären der Sowjetzone zur Verfügung. Die Westberliner Fernsehkunden merkten es, wenn sie auf den Ostberliner Kanal umschalteten. Dort sahen sie eine technisch makellose Direktübertragung von den Eishockey-Weltmeisterschaften.

Für die Reportage von diesem Ereignis hatte sich der sowjetzonale Deutsche Fernsehfunk die Benutzung der Richtfunkstrecke erbeten. Die Bundespost hatte diese Bitte erfüllt, weil sie annahm, die zweite Fernsehbrücke, mit der etwa seit Jahresbeginn experimentiert wird, sei schon betriebsfähig. Sie war es nicht.

Die Techniker der Westberliner Landespostdirektion hatten zunächst nicht den Mut, diese Panne zuzugeben. So wurde von „Frequenzstörungen“ und Schlechtwettereinflüssen gesprochen. Dann gab man zu, es sei „aus technischen Gründen“ nicht zu vermeiden gewesen, die Richtfunkstrecke dem Sowjetzonenfernsehen für die Zeit der Eishockey-Weltmeisterschaften zu überlassen.

Schnell bekam die Affäre einen politischen Akzent. Der Präsident der Westberliner Landespostdirektion, Dr. Hoffmann, wurde wegen seiner „mangelnden Auskunftsfreudigkeit“ heftig attackiert, und der amtierende Bürgermeister Amrehn beauftragte den Senator Dr. Klein, der nicht nur für das Ressort der Bundesangelegenheiten, sondern auch für das Post- und Fernmeldewesen in Westberlin zuständig ist, zu prüfen, aus welchen Gründen es in den ersten Märztagen zu den Störungen bei den Fernsehübertragungen zwischen dem Bundesgebiet und Westberlin gekommen ist.

Die Landespostdirektion hatte jedoch inzwischen unter dem Eindruck des schnell entfachten Volkszorns schon umgeschaltet. Das Westprogramm kam wieder einwandfrei auf die Westberliner Bildschirme.