Während „Zu viele Köche“ selbst wackere Abstinenzler des Fernsehens vor die Bildschirme trieb und den Appetit auf Kriminalstücke in Fortsetzungen aufs neue weckten (etliche Betriebe mußten geduldig eine Verminderung ihrer Produktion hinnehmen, weil sich der Hunger auf Spannung größer denn der auf Geld erwies), blieben zwei „kleine“ Sendungen für viele reizarme Kost. So etwas ist nicht verwunderlich. Einmal leiden solche Darbietungen darunter, nicht als „volle“ Sendung zu gelten – die eine dauerte vierzig, die andere gar nur zwanzig Minuten –, zum anderen konnten die Themen nur Feinschmecker alarmieren.

Beide Sendungen kamen aus dem kleinen Studio des Senders Bremen: „Am Hängetau“ mit Turngedichten von Joachim Ringelnatz die eine, „Hoffnung-Festival – Ein karikiertes Gedicht“ die andere. Sie zeigten indessen mehr als theoretische Erörterungen erstens, daß der Fernsehschirm dem Kabinettstück alles, der Riesenshow fast nichts bietet; zweitens, daß zuviel eigentlich immer zuwenig ist; und drittens, daß es oft schwieriger ist, mit einer Dreimanntruppe etwas Gutes zu vollbringen als mit einem großen Ensemble. Das sind keine neuen Erkenntnisse, aber es tut gut, sich ihrer gelegentlich zu erinnern.

Armas Sten Fühler, Verfasser und Regisseur der ersten Sendung, hatte eine hübsche Idee. Es zog ihn, Ringelnatzens Turngedichte darzustellen. Er hätte sie von Pantomimen nachturnen lassen, er hätte sie singen, er hätte sie von Zeichnungen begleiten lassen können. Er ließ zum Unglück alles mit ihnen machen und tat noch dazu einen mehr witzelnden als verbindenden Text. All dies geschah irgendwo und nirgends, in einem Raum ohne Anfang und Ende, der wie die „Handlung“ konstruiert und unmotiviert blieb. Ringelnatz, der mit seinen Versen nicht nur Spaß erzeugen, sondern kritisieren wollte, ging in einem Tingel-Tangel-Kabarett verloren. Hätte sich Fühler doch nur auf den Zeichner Paul Flora oder auf den Pantomimen Rolf Scharrer oder auf die singenden Drei Peheiros, die sich wie der Interpret Max Walter Sieg ein wenig unglücklich gebärdeten, beschränkt – und auf Ringelnatz ...

Welchen Gewinn Beschränkung verheißt, ward ein paar Tage darauf deutlich: Eine kunstvolle Spielerei mit Worten, mit Musik und mit den lustigen Zeichnungen des Engländers Gerard Hoffnung (der, erst 34 Jahre alt, im Oktober 1959, bald nach der Aufführung seiner „Ouvertüre für Orchester, Orgel, vier Gewehre, drei Staubsauger, mehrere Schreibmaschinen, Gartenschläuche und Preßlufthammer“ in London, gestorben ist). Er war ein großer Spaßmacher und ein Künstler – und er fand in Bremen seine ebenbürtigen Partner. Kurt Kusenberg schrieb dazu den Text, Roland Kayn die Musik, und Hermann Gubernaties Hell die Kamera spielen. Wer dabei wen unterstützte, ist nicht zu sagen. Sie waren ein Ensemble, in dem jeder der beiden anderen bedurfte und keiner den anderen auch nur einmal im Stich ließ.

Wer bisher noch nie von Gerard Hoffnung gehört haben sollte – jetzt weiß er es und läuft in den Buchladen, mit eigenen Augen zu sehen, was hier die Kamera besorgt hatte. Manfred Sack