Ein Vampir ist ein Verstorbener, der nachts aus dem Grabe kommt, um Lebenden das Blut auszusaugen. Sein Biß am Halse eines Menschen vermag die Phantasie beim Lesen zu regulieren – und also auch in erträglichen Maßen zu halten. Ein Vampirbiß aber im Film, in Großaufnahme und Technicolor, ist, selbst von einem betörend schönen Vamp demonstriert, von schauriger Widerlichkeit.

Der Übertritt von der Literaturphantasie zu krasser Filmrealistik und plumper Anschaulichkeit erweist sich wieder einmal als strafbar, und man sollte die Warnsignale noch einmal blankputzen. Hat der Regisseur Roger Vadim („Und immer lockt das Weib“, „Les liaisons dangereuses“) dies vergessen, als er seinen Film „... und vor Lust, zu sterben“ (nach dem Roman „Carmilla“ von Sheridan Le Fanu) drehte? Es gibt doch auch im Film viele Möglichkeiten der Anspielung und Andeutung. Übrigens ist da niemand, der vor Lust stirbt, sondern nur eine, die, von böser Eifersucht und Lust getrieben, töten will. „Blood and Roses“ heißt der Originaltitel besser.

Das in der Nähe Roms spielende Dreieckdrama ist ein unklares, ein schaurig-kitschiges Gemisch aus Sage und Modernität. Aber auch schaurige Inhalte können Kunst nicht verhindern, wenn diese Inhalte in der Sprache der Formen geläutert werden.

Claude Renoirs Kamera-Arbeit ist verblüffend, die Qualität der Farbe ist hervorragend. Renoir, ein Enkel des großen Malers Auguste Renoir, hat ein gutes Auge, und er gibt der Farbe auch dramaturgische Akzente. So erscheinen Traümszenen in einer einzigen Farbe – um den Eindruck des Unwirklichen hervorzurufen.

Man wird nicht nur durch schöne Landschaften erfreut, viele Sequenzen erinnern an gute Malereien, etwa an Guido Reni, an Romantiker und frühe Naturalisten des 19. Jahrhunderts, ja an Auguste Renoir, Claudes Großvater. Es wäre schön, wenn man jene allzu zahlreichen Kinobesucher, die aus dem Film lediglich die Handlung „herausklauben“, darauf hinweisen könnte, daß Handlungen nicht immer gar so wichtig sind und daß die Bildsprache für die Qualität entscheidend sein kann. Das Beispiel dieses Films reicht aber dazu nicht aus. Die Bilder sind in ihrem Niveau zu ungleich. Von einer Kompensation des kitschigen Inhalts kann auf die Dauer keine Rede sein. R. D.