Die Deutsche Gold- und Silber-Scheideanstalt vormals Roessler, Frankfurt/Main, kurz Degussa genannt, rangiert, sofern man die großen IG-Nachfolger ausklammert, in der Spitzengruppe der deutschen chemischen Industrie. Ihre Aktien haben ihren Besitzern bisher viel Freude bereitet. In diesem Jahr bringen sie eine Dividende von 17 vH, also 1 vH mehr als im Vorjahr. Weiterhin wird das Stammkapital der Gesellschaft zu Lasten der gesetzlichen Rücklagen nochmals um etwa 6 Mill. DM erhöht. Auf je 2000 DM Nennwert alte Aktien fällt damit eine Zusatzaktie von DM 100,–.

Das ist das Ergebnis einer gesunden Entwicklung. Im Geschäftsjahr 1959 hat die Degussa eine Umsatzerhöhung von über 15 vH erzielt; hierzu haben fast alle Abteilungen einen Beitrag geleistet. Die Degussa ist in vielen Wirtschaftsbereichen tätig. Der Konzern ist weitverzweigt, was heute von der Verwaltung der Degussa nicht unbedingt als ein Vorzug angesehen wird. Die Geschäftsleitung strebt daher nach einer Zusammenfassung. Ein Chemieunternehmen in der Größenordnung der Degussa (die Bilanzsumme beträgt 450 Mill. DM), vermag nicht mehr auf allen Hochzeiten zu tanzen, sondern es muß sich wohl überlegen, wo seine besonderen Chancen und seine Überlegenheit gegenüber der Konkurrenz liegen. Das bedeutet eine Expansion auf den sich als besonders ertragreich erwiesenen Gebieten. Parallel hierzu verläuft eine Zusammenfassung von Betriebszweigen auf standortmäßig besonders begünstigte Degussa-Fabriken. Zu nennen ist vor allem Wesseling, ein Tochterunternehmen, das im vergangenen Jahr in eine Zweigniederlassung der Degussa umgewandelt wurde. Dort werden Füllstoffe für die Gummiindustrie und Farben hergestellt. Ein weiterer Konzentrationspunkt ist Wolfgang bei Hanau; hier wird die Degussa-Forschung zusammengefaßt. Ein benachbartes großes am Main gelegenes Erweiterungsgelände bietet günstige Voraussetzung für neue Fertigungsanlagen.

Die Forschung ist nach wie vor ein wichtiger Fundamentstein des Degussa-Geschäftes. Sie wird dem Unternehmen auf lange Sicht eine von innen heraus kommende Dynamik sichern. Unter diesem Gesichtspunkt sind unter anderem auch die Arbeiten der Degussa auf dem Atomgebiet zu werten, die, wirtschaftlich gesehen, zu dem sonstigen Degussa-Geschäft von untergeordneter Bedeutung sind, von der aber auf die Dauer Anregungen und Erkenntnisse für den gesamten Bereich einer modernen Industriewirtschaft ausgehen.

Es ist offensichtlich, daß ein in einem Umbau befindliches Unternehmen im erheblichen Umfange investieren muß. Dies gilt um so mehr, als die Degussa-Werke vollbeschäftigt, zum Teil sogar überbeansprucht sind und daher einer Anpassung an die ständig steigende Nachfrage bedürfen.

Das Anlagevermögen der Degussa hat sich im Geschäftsjahr 1959/60 von 132 auf 176,8 Mill. DM erhöht; die Zugänge an Sachgütern betragen 44 Mill. DM, im Bau befindliche Anlagen und Anzahlungen auf Anlagen 24 Mill. DM. Investitionen aber kosten Geld. Erhebliche Mittel werden aus den Abschreibungen gewonnen. Dies erbrachte im Geschäftsjahr 1959/60 über 29 Mill. DM gegenüber 22 Mill. DM im Jahr zuvor. Dabei ist die Degussa wie es in dem Geschäftsbericht heißt, über das steuerlich zulässige Maß hinausgegangen. Sie hat frei gewordene stille Reserven zu Sonderabschreibungen genutzt. Angesichts des starken Anwachsens des Anlagevermögens und der Überbeanspruchung der Produktionsanlagen, hielt sie es für notwendig, dem Unternehmen solche Reserven zu erhalten. Auch sonst wurde in dem günstig verlaufenen Geschäftsjahr für eine Stärkung der Reserven Sorge getragen.

Die Liquidität der Degussa ist günstig. Ihre Guthaben bei Kreditinstituten sind zwar von 44 Mill. DM auf 36 Mill. DM zurückgegangen, dafür haben sich die Wertpapierbestände von 24 auf 29 Mill. DM erhöht. Die günstige Liquiditätslage ist vor allem eine Folge der im vergangenen Jahr durchgeführten Kapitalerhöhung. Den Aktionären wurde ein Bezugsrecht im Verhältnis 10:1 zu pari eingeräumt. Das brachte gut 10 Mill. DM; es verblieb eine Spitze von 4,8 Mill. DM zur freien Verfügung der Verwaltung. Davon waren bei Ende des Geschäftsjahres erst nominell 1,4 Mill. DM veräußert, der Rest wurde von der Dresdner Bank zum vorläufigen Verrechnungskurs von 400 vH übernommen. Sie werden nach Weisungen der Gesellschaft verwertet. Bei dem derzeitigen Stand der Degussa-Aktien mit etwa 1200 vH liegen hier noch erhebliche Liquiditätsreserven, auf die die Verwaltung bei Durchführung ihrer Investitionsvorhaben – der Baufortschritt vollzieht sich heute langsamer als erwünscht ist – zurückgreifen kann. Bei der ausreichenden Ausrüstung mit flüssigen Mitteln ist eine Kapitalerhöhung in diesem Jahr unwahrscheinlich, auch die Auflage von Industrieobligationen kommt nicht in Frage.

Die ersten Monate des neuen Geschäftsjahres – es sind bereits über 5 Monate verflossen – hat sich die günstige Umsatzentwicklung fortgesetzt. Die Steigerung der Personalkosten, die sich jetzt voll auswirkt, läßt sich allerdings mit Rationalisierungsmaßnahmen nicht ohne weiteres kurzfristig ausgleichen. Überdies verschärft sich der Wettbewerb, und zwar vor allem auch im Ausland.

W. R.