Mit diesem Entwurf, einer kleinen Tonfigur, knapp 40 cm hoch, beteiligte sich 1899 ein junger namenloser Künstler am Wettbewerb für ein Straßburger Goethe-Denkmal. Die Arbeit erhielt keinen Preis, der Entwurf wurde nicht ausgeführt, die Figur ging verloren, nichts davon ist geblieben als dies alte, stark beschädigte Photo. Eine hinreißende Skizze, die unzählige in Bronze gegossene Dichterdenkmäler aufwiegt. Der junge Goethe in Straßburg, nach oben, vermutlich aufs Münster blickend, keck, elegant, selbstbewußt und selbstvergessen, genialischer Sturm und Drang, vom Rokoko zurechtgestutzt. Wer würde darin ein Werk des jungen Ernst Barlach vermuten!

Wir entnehmen das Photo dem unlängst erschienenen Band I des dreibändigen Werkverzeichnisses, der mit über 450 Abbildungen das gesamte plastische Werk von Barlach katalogisiert. Der Band wurde ebenso wie das 1958 erschienene graphische Werk von Friedrich Schult bearbeitet, dem lebenslangen Freund Barlachs und Verwalter seines in Güstrow gesammelten Nachlasses. (Herausgegeben mit Unterstützung der Deutschen Akademie der Künste in Berlin, verlegt von Dr. Ernst Hauswedell in Hamburg; 600 numerierte Exemplare, Quartformat, 304 S., 175,– DM.) Eine großartige wissenschaftliche und verlegerische Leistung, durch die es überhaupt erst möglich wird, den Bildhauer Barlach objektiv zu beurteilen.

Der Katalog bringt alles, auch die Frühwerke, die vielfach unbekannt blieben oder unterschätzt wurden, auch die verlorenen oder nicht ausgeführten oder „mißratenen“ Dinge, auch die verschiedenen Ausführungen eines Motivs in Gips, Holz und Bronze, auch die das gleiche Motiv variierenden Detailstudien. Viele überraschende, unerwartete Dinge, die unsere Vorstellung von Barlach wesentlich erweitern und korrigieren. g. s.