Rom, Mitte März

Im Gegensatz zu den optimistischen Erläuterungen, die der amerikanische Sonderbotschafter Avereil Harriman und die italienische Regierung am letzten Wochenende über ihre dreitägigen römischen Gespräche abgaben, ist in Rom nicht alles gut gegangen.

Ein Hinweis darauf ist die Form der Bekanntgabe der Einladung nach Washington, die Kennedy an Ministerpräsident Fanfani gerichtet hat. Entgegen den protokollarischen Gewohnheiten wurde kein Termin angedeutet, an dem die Reise stattfinden soll. Dabei ist bekannt, wie sehr Fanfani aus Prestigegründen Wert auf eine baldige Begegnung mit Kennedy legt. Offensichtlich hält man jedoch auf beiden Seiten einen Meinungsaustausch der Regierungschefs’ vorläufig noch nicht für opportun.

Harriman hat in Rom vor allem erkunden wollen, in welcher Höhe ein Beitrag Italiens zur Finanzierung einer großzügigen westlichen Entwicklungshilfe für afrikanische und asiatische Länder zu erwarten sei. Daß er auf diese Frage keine genaue Antwort erhielt, geht nicht nur aus der vorsichtigen Diktion der Schlußerklärungen hervor, sondern auch aus einer kleinen Episode, die von römischen Blättern gemeldet wurde: Nach einer Unterredung mit den Leitern der italienischen Ministerien für Staatshaushalt und Finanzen, die den Gast von den beschränkten finanziellen Möglichkeiten Italiens überzeugen wollten, bemerkte Harriman zu Fanfani, der ihn mit einem Hinweis auf die „schottischen Eigenschaften“ seiner Kollegen trösten wollte: „Die Schotten sind in Europa weit verbreitet. Das habe ich auf meiner Reise entdeckt.“

Zwar hat Washington viel Verständnis dafür gezeigt, daß Italien große Kapitalinvestitionen im Süden des eigenen Landes vornimmt und vornehmen muß. Andererseits aber haben allzu stolze römische Berichte über das italienische „Wirtschaftswunder“ rosige Vorstellungen erweckt. Auch der Eifer, mit dem die römischen Politiker seit Jahren forderten, die westliche Entwicklungshilfe für Afrika und Asien müsse verstärkt werden, hat große Hoffnungen auf die Mitwirkung Italiens hervorgerufen. Schließlich stammt von dem Italiener Pella ein Plan, der die Hilfsmaßnahmen für den Mittleren Orient einer internationalen Körperschaft übertragen wollte, deren Fonds hauptsächlich aus Beiträgen der reicheren Verbündeten bestehen sollte (Pella-Plan). Jetzt scheint es, daß die Mitwirkung Italiens im wesentlichen in der Verteilung der Gelder bestehen sollte. Harriman aber hat die Italiener beim Wort zu nehmen versucht. Und sie werden nun ihr Opfer bringen müssen, wenn sie nicht das Gesicht verlieren wollen.

So hat denn Fanfani nach Abschluß der Gespräche mit Harriman vor aller Öffentlichkeit einen verstärkten Beitrag Italiens angekündigt, der „zur Lösung der Probleme der Alliierten und zur Förderung des Fortschritts der befreundeten notleidenden Völker“ dienen soll. Über die Höhe dieses Beitrages werden Rom und Washington jedoch erst verhandeln müssen. Azio de Franciscis