Ohne den Einfallsreichtum der in der sowjetischen Landwirtschaft tätigen Funktionäre zu kennen, hat der sowjetische Parteichef N. S. Chruschtschow im vergangenen Jahr die USA zu einem wirtschaftlichen Wettbewerb herausgefordert; er beabsichtigt, ihn in kürzester Zeit – zumindest auf dem Agrarsektor – zugunsten seines Landes zu entscheiden. Deshalb wurden hohe Produktionspläne für das Jahr 1960 festgesetzt: Es sollten 153 Millionen Tonnen Getreide, 72 Millionen Tonnen Milch und 10,6 Millionen Tonnen Fleisch produziert werden. Die Ergebnisse sind aber anders ausgefallen. Es wurden nur 133 Millionen Tonnen Getreide, 61,5 Millionen Tonnen Milch und 8,7 Millionen Tonnen Fleisch erzielt. Demnach sind 11,5 vH Getreide, 14,6 vH Milch und 18 vH Fleisch weniger produziert worden als im Plan vorgesehen.

Bevor man im Kreml geeignete, Sündenböcke für die Mißerfolge gefunden hatte, wurde die Schuld auf das Wetter geschoben. Die Ablösung des langjährigen Landwirtschaftsministers Matskewitsch leitete erst die große Säuberung ein. Sie hält bis zum heutigen Tage noch an.

Der neue sowjetische Landwirtschaftsminister, Michail Olschanski, ist ein Wissenschaftler. Er gilt als ein überzeugter Anhänger der von der Partei stark propagierten Vererbungstheorie. Olschanski, dem keine Verwaltungserfahrung nachgesagt wird, scheint dennoch der richtige Mann im Landwirtschaftsministerium zu sein. Laut Beschluß des Obersten Sowjet vom 25. Februar 1961 hat das Ministerium nur noch folgende Funktionen zu erfüllen:

  • Die Erhöhung des Standards der Bodenkultivierung;
  • Die Förderung des technischen Fortschritts in den landwirtschaftlichen Betrieben;
  • Die Verbesserung der landwirtschaftlichen Forschung;
  • Die weitere Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Zu weiteren Arbeitsgebieten des Landwirtschaftsministeriums gehören die Organisation der Samenzucht, die Anleitung von landwirtschaftlichen Experimentierstationen und die Ausbildung von Personal auf höherer und mittlerer Ebene. Die frühere Zuständigkeit des Ministers auf dem Gebiete der Technik und der materiellen Versorgung der Landwirtschaft wurde zugunsten einer neuen technischen Oberbehörde aufgegeben. Sie soll den Einsatz von landwirtschaftlichen Maschinen zentral leiten sowie für ihre Reparaturen verantwortlich sein. Diese Behörde hat auch die Versorgung der Kolchosen und Sowchosen mit Kunstdünger übernommen.

Die neue Behörde und ihre Schwesterinstitutionen in den Republiken sollen zum größten Teil von den Kolchos- und Sowchos-Vorsitzenden, den Direktoren von Landwirtschaftsmaschinen-Fabriken und Fachleuten für den Bau von Landmaschinen geleitet werden. Auf diese Weise verspricht man sich nicht nur eine bessere Zusammenarbeit zwischen der Landwirtschaft und der Industrie; es wird auch eine Dezentralisierung der Landwirtschaft angestrebt, wie sie schon auf dem industriellen Sektor seit 1957 besteht.

Der Oberste Sowjet hat zudem die Errichtung eines Beschaffungskomitees unter der Leitung des stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates der UdSSR, Nikolau Ignatow, beschlossen. Seine Aufgabe besteht darin, künftig den Einkauf von Agrarprodukten bei den Kolchosen und Sowchosen zentral durch den Staat zu lenken. Das Beschaffungskomitee ist angewiesen worden, mit den Trägern der sowjetischen Landwirtschaft langfristige Verträge für den Einkauf von Agrarerzeugnissen abzuschließen. Der gleiche Beschluß regelt ferner den Verkauf von freien Agrarerzeugnissen der Kolchosbauern, die sie auf dem privaten Boden ziehen. Auch diese dürfen künftig nicht mehr auf die Kolchosmärkte gebracht werden. Es ist vorgesehen, den Absatz der privaten Agrarprodukte einheitlich und zu ortsüblichen Preisen über die staatlichen Einkäufer zu regeln.