II. Ein neuer Wind treibt Frankreichs Mühlen – Schicksal zweier Völker: Der deutsche Nachbar – Viele Fragen belanglos

Von Raymond Aron

Was hat es eigentlich mit der „Erbfeindschaft“ zwischen Deutschland und Frankreich auf sich, von der einst viele Jahrzehnte lang in den Schulbüchern beider Länder zu lesen war? In dem Buch „Frankreich deutet sich selbst“, das demnächst im Verlag von Hoffmann und Campe, Hamburg, erscheint, nimmt sich ein Kapitel auch dieser Frage an. Wir bringen es hier, gekürzt, als Vorabdruck. Sein Autor, Raymond Aron, lehrt heute als Ordinarius für Soziologie an der Sorbonne und am Institut d’Etudes Politiques zu Paris. Aron, ein entschiedener Verfechter der deutsch-französischen Verständigung, redigierte in seinem Londoner Exil während des Zweiten Weltkrieges die „France Libre“ als Chefredakteur; er blieb bis heute journalistisch tätig als Leitartikler des „Figaro“, in dem er seine oft eigenwilligen, mit der regierungsfreundlichen Politik des Blattes nicht immer konformen Ideen darlegt.

Jede Epoche zimmert sich für ihre Gegenwart, für ihre Abneigung und ihre Wunschträume die geeignete Vergangenheit zurecht. Wie oft haben nicht im Laufe dieses Jahrhunderts französische Schriftsteller bei Tacitus das Urbild der Germanen gesehen! Wie oft mußten bei deutschen Schriftstellern das Testament Richelieus oder die Verwüstungen der Pfalz als Beweis für die aggressiven Absichten herhalten, die Frankreich seit eh und je gegen Deutschland gehegt habe!

Auf die Gefahr hin, zu einem Lächeln der Mißbilligung herauszufordern, darf ich getrost behaupten: Die Germanen des Tacitus haben mit den Deutschen des Kaisers Barbarossa ebensowenig zu tun wie mit den Deutschen Luthers, Goethes, Bismarcks, Wilhelms II. oder Hitlers. Auch die Franken des Vercingetorix haben nichts mit den Franzosen gemein – weder mit den Franzosen Ludwigs des Heiligen noch mit denen Ludwigs XIV. oder Napoleons. Auch sollten wir – trotz Fichte – keinen fundamentalen Gegensatz zwischen den Bevölkerungen beiderseits des Rheins konstruieren, nur weil im Westen die Kelten oder die Franken ihre eigene Sprache verloren haben und eine von den römischen Eroberern abgeleitete Sprache sprechen, während östlich des Rheins das Germanische sich sogar in den romanisierten Gebieten gegen die Sprache der Eindringlinge behauptet hat.

Das Ammenmärchen von Verdun

Das Deutschland und das Frankreich des 19. und des 20. Jahrhunderts gab es weder gegen Ende des Römischen Imperiums noch zur Zeit der Kaiserkrönung Karls des Großen. Deshalb ist es ganz unsinnig, wenn Franzosen oder Deutsche auf „ihr“ Karolinger Reich Anspruch erheben, das sich geographisch ungefähr mit dem „Europa der Sechs“ deckt, In der Tatsache, daß das Reich Karls des Großen durch den Vertrag von Verdun geteilt wurde, sehen die Historiker – ohne jedes Gefühl für den Anachronismus – einen Konfliktgrund; ihrer Ansicht nach gab er den Anstoß zu der Feindschaft, die Germanen und Franken, Deutsche und Franzosen einander entfremdete. Das aber hieße noch einmal mehr auf das Ammenmärchen zurückgreifen, daß mit dem 10. Jahrhundert eine ewige und unauslöschliche Feindschaft zwischen den Völkern oder Königreichen beiderseits des Rheins begonnen haben solle.