K-a, Frankfurt

Fragte man früher die Berliner, welches die Merkmale einer Weltstadt seien, meinten sie spöttelnd: eine Untergrundbahn, ein Zoo – und eine organisierte Unterwelt. Frankfurt kam da nicht mit, es konnte bisher nur mit dem Zoo konkurrieren. Dieser Tage nun aber klärte die Frankfurter Polizei ihre Bürger mit einer werbetechnisch gut vorbereiteten Veröffentlichung darüber auf, daß Frankfurt wohl auch eine Weltstadt geworden ist: Ein „Kegelverein“ mit weltweiten Beziehungen wurde in seinem Vereinslokal in der Mainmetropole ausgehoben.

Analog dem berüchtigten Berliner „Sparverein“ haben die Ganoven – 53 wurden inzwischen festgenommen – unter dem Deckmantel kleinbürgerlichen Treibens allein in einem Jahr über eine halbe Million Beute gemacht und an ihre Mittelsmänner verscherbelt. Mehr als die Hälfte der Beute bestand aus Pelzen und Schmuckstücken. Die Fäden der Bande spannen sich nach Genf, Lausanne und Zürich, aber auch Einbrüche in Aschaffenburg wurden nicht verschmäht. Größere Expeditionen wurden mit dem Flugzeug, kleinere mit repräsentativen Zwei-Liter-Wagen durchgeführt. Sportereignisse in Frankfurt dienten als Treffen der Mitglieder aus allen Teilen Europas, die sich dann in einem unscheinbaren Lokal in der Frankfurter Gelbehirschstraße neue Direktiven holten.

Die Gangster verstanden sich zu tarnen. Nach außen hin führten sie ein mustergültiges Vereinsleben – mit wöchentlichem Kegelabend, mit einer Satzung, mit „Vermögensverwaltern“, die Tagegelder für Krankheits- und Haftzeiten auszahlten, und mit einem vereinseigenen Rechtsanwalt. Verwaltungstechnisch geschult aber wurden die Vereinsmitglieder durch Überläufer des „Sparvereins West“, Berliner Ganoven mit langjähriger Erfahrung also, die nach dem „Konkurs“ des Berliner Vereins nach Frankfurt gekommen waren.

Wahrlich, die Polizei hatte am Freitag ihren großen Tag. Schon um die Wochenmitte hatte sie Geheimnisvolles angekündigt und war selbst durch kameradschaftlichen Handel der Polizeireporter nicht bereit, auch nur ein Zipfelchen des Schleiers zu lüften, unter dem die fiebernden Redaktionen schon Sonderberichte über die Entführergeschichte des Kindes Peugeot oder den Mord an der Rosemarie Nittribit vermuteten. Vorarbeiten in den Archiven nützten aber nichts. Die Polizei muß einen großen Werbejournalisten in ihren Reihen haben. Sie wartete auf die Wochenendausgabe, sie wollte „ganz groß“ herauskommen. Sie überrumpelte die ganze Stadt und hatte ihre Publicity. Fragt sich nur, wie sie später wieder den bohrenden Fragen der Reporter mit dem mahnenden Hinweis auf ihre „Kleinarbeit in der Stille für die Sicherheit des Bürgers“ beikommen will...

Übrigens: aufgeklärt ist nun auch der „Bund der Berliner“. Er hatte sich erst unlängst darüber gewundert, daß nach seinen Schätzungen mindestens 2000 Berliner in Frankfurt weilen mußten und doch nur wenig mehr als 10 vH von ihnen Mitglieder sind. An dem Vereinsprogramm hat es hier ganz offensichtlich nicht gelegen.