Impressionen von der Wirtschaftspolitik in den Vereinigten Staaten

Von Karl Schiller

Ein Besuch in den USA anläßlich des Washingtoner Gesprächs der Atlantik-Brücke veranlaßte den Hamburger Ordinarius für Volkswirtschaftslehre, dem amerikanischen "Young Deal" in seiner wirtschaftspolitischen Aktivität etwas nachzuspüren. Genaue Kenntnis von Kennedys Wachstumsprogramm und der politischen Stimmung, in der es sich abspielt, ist für die europäische Konjunkturpolitik unumgänglich. Der Erfolg des Programms ist nicht nur eine amerikanische Angelegenheit.

Die Arbeitsatmosphäre an der "Neuen Grenze" ist faszinierend, besonders anregend für einen Europäer, der aus einer gleichsam "umgekehrten Welt" kommt, einer Welt von höchster geschäftlicher Aktivität, aber relativ immobiler Politik. Wie in anderen Bereichen der amerikanischen Politik, so sehen sich auch auf dem Feld der Ökonomie mit einem Schlage die Geister des Landes zu neuen Taten aufgerufen, und zwar nicht nur diejenigen, die durch die unkonventionelle und unbürokratische Arbeitsweise des Präsidenten herangezogen werden; auch außenstehende Sachverständige fühlen sich veranlaßt, ihre Phantasie zu beflügeln und zu der allgemeinen Ideenproduktion beizutragen. So ist das Zentrum im Weißen Haus mit einem weit ins Land reichenden Kranz von geistigen Werkstätten umgeben. Der Prozeß der Formung der neuen amerikanischen Wirtschaftspolitik ist noch in vollem Fluß. In einigen Grundentscheidungen sind wohl die Würfel gefallen, aber vielfach ringen noch die Ideen miteinander und mit den Tatsachen. Manchmal ist es reizvoll, in den Botschaften des Präsidenten Spuren und Gedankensplitter aus den Memoranden und sonstigen Äußerungen der Experten wiederzufinden, wobei allerdings das Ganze unverkennbar durch die eigenwillige, starke Handschrift und den souveränen Gedankenflug des Präsidenten selbst geprägt ist. Jedenfalls werden hier Denkschriften tatsächlich verarbeitet. Außerdem scheint nun unter Walter Heller der Council of Economic Advisers, 1946 auf Grund des Beschäftigungsgesetzes unter Truman geschaffen, heute wieder eine weitaus größere Bedeutung zu bekommen. (Das Beschäftigungsgesetz selbst müßte eigentlich, wie sich im Gespräch mit einem der früheren Autoren ergab, heute bei einer Neufassung "Gesetz zur Förderung eines störungsfreien Wirtschaftswachstums" heißen.)

Die amerikanische Geschäftswelt scheint erstmal gegenüber der intellektuellen levée en masse mit Erleichterung festzustellen, daß es sich bei den neuen Leuten nicht um "ökonomische Beatniks" handelt, sondern um Pragmatiker, was in jenem Lande philosophisch bekanntlich immer noch ein Lob ist. Tatsächlich macht das kurzfristige Aufschwungsprogramm keineswegs den Eindruck expansionistischen oder dirigistischen Leichtsinns. Beispielsweise kann von einem überhastet zusammengerafften Paket öffentlicher Arbeitsbeschaffungsprojekte, wogegen sich übrigens gerade die Berater Kennedys (so im Samuelson-Report) immer wieder ausgesprochen haben, keine Rede sein. Außerdem fühlen sich wohl einige Kreise der Geschäftswelt, die diese "vierte Recession nach dem Kriege" lieber als "readjustment" ansprechen, dazu verpflichtet, hoffnungsvoll auf die Frühjahrsbelebung zu blicken, während die Regierung, um ihr Programm durchzubringen, etwas dunklere Töne gebraucht.

Arbeitslosigkeit als Drohung

Mit einer Arbeitslosigkeit von 5,7 Mill. oder etwa 6,8 vH für den Winterausgang läßt sich wohl der Tatbestand eines Einbruchs nicht verleugnen. Einige Experten heben den hohen ursächlichen Anteil des technischen Fortschritts an dieser Arbeitslosigkeit hervor. Manchmal wird diese Quote als "strukturell" bezeichnet; sie sei deshalb mit konjunkturpolitischen Mitteln nicht zu bekämpfen. Um so leichter ergibt sich für den Beobachter der Zusammenhang mit den wachstumsfördernden Plänen der Regierung: Der stürmische Prozeß der Automatisierung und Technisierung und damit Arbeiterfreisetzung ist nicht von einer genügend großen Expansion der gesamten Wirtschaftstätigkeit begleitet gewesen (wodurch die Arbeitskräfte an anderer Stelle wieder absorbiert worden wären). Mit anderen Worten: Die durchschnittliche, reale Wachstumsrate der amerikanischen Volkswirtschaft (1953–1959 mit 2,4 vH p.a.) war zu klein. Man muß also die Investitionen erhöhen. In dieser Beziehung decken sich der konjunkturpolitische und der wachstumspolitische Aspekt. Bekanntlich bezeichnete Kennedy für die Zukunft eine Wachstumsrate von 3,5 vH als "nicht hoch genug". Von wesentlichen Beratern wird eine solche von 4,5 vH für "organisch" gehalten; erst darüber hinaus beginne die "forcierte Wachstumsrate", die gegebene ökonomische und soziale Traditionen, Institutionen und Werte der amerikanischen Gesellschaft verletzen würde; die bisherige tatsächliche Rate allerdings sei eine solche des "Treibenlassens"; so der Colm-Report. Die neue wachstumspolitische Aktivität läßt sich für eine Volkswirtschaft, die sich ständig – auch bei Erholungen – unterhalb des Gleichgewichtspfades bewegt, folgendermaßen begründen: Besteht eine Überkapazität (in der Stahlindustrie wurde die Nichtausnutzung mit rd. 45 vH, in der gesamten Industrie mit 15–20 vH geschätzt) und schränken demgemäß die Unternehmer ihre Investitionen ein, so wird die Unterbeschäftigung nur noch größer, die Lage also nur noch verschlimmert. Werden im Gegensatz dazu die Investitionen vergrößert, so tragen diese auch zur Mehrausnutzung der Kapazität bei.