Ausblick aufs Dreigroschenpanorama

Von Dieter E. Zimmer

Siegfried Unseld, als Leiter des Suhrkamp Verlags derzeitiger Verwalter des Brechtschen Werks, hat ein umfängliches Buch zusammengestellt, das nicht nur in seiner Konzeption dem Gegenstand denkbar angemessen ist, sondern darüber hinaus in seiner Reichhaltigkeit immer aufs neue verblüfft – und dabei den Leser noch nicht einmal teuer zu stehen kommt:

"Bertolt Brechts Dreigroschenbuch" – Texte, Materialien, Dokumente; Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 483 S., 18 Abb., 10,80 DM, mit Schallplatte "Bertolt Brecht singt" 17,50 DM.

Es gibt wenige Werke, die wie die nun 33 Jahre alte "Dreigroschenoper" dazu herausfordern, in ihren mannigfachen Beziehungen gesehen zu werden; vielleicht lag es eben daran, daß so viele Ströme literarischer, musikalischer und szenischer Art in ihr zusammenflössen, wenn sie schließlich ihre hohen Wellen schlug.

Beigetragen hat ja nicht nur John Gay mit seiner "Bettleroper" – und Elisabeth Hauptmann, die Brecht auf das Stück aufmerksam machte und ihm eine Rohübersetzung lieferte; beigetragen haben ebenso Villon und sein Übersetzer K. L. Ammer, hat Kurt Weill mit seiner "grauen, verräucherten" Musik (Adorno), und er wiederum hatte den treffenden musikalischen Stil durch Strawinskijs "Geschichte vom Soldaten" gefunden; beigetragen haben die Darsteller, allen voran und unvergleichlich Lotte Lenya (die dem Buch einige aufschlußreiche Erinnerungen beigesteuert hat) und auch Harald Paulsen, dessen Eitelkeit wir die Ballade von Mackie Messer verdanken. ("Er wünschte sich einen Song, in dem einzig und allein von ihm die Rede sein sollte, als Entrée", schreibt Lotte Lenya.) Wichtige Beiträge zum Dreigroschenkomplex haben aber auch die Autoren geliefert, die das Werk später verarbeiteten – Ernst Bloch zum Beispiel schrieb klug Erhellendes über das poetische Kernstück des Ganzen, das Lied von Jenny, der Seeräuberbraut.

Sie und viele mehr arbeiteten einen der ganz großen Stoffe unseres Jahrhunderts aus, fast wäre man trotz der gänzlichen Profaneität der Sache versucht zu sagen: einen säkularen Mythus, freilich einen Unterweltsmythus – so nachhaltig haben sich die näheren Umstände der Fabel vom galanten Räuberhauptmann, der einem knickerigen Halunken die Tochter fortnimmt und beinahe am Galgen endet, dem Bewußtsein und den Vorstellungen der Zeit eingeprägt, bis hin zu Louis Armstrong, der heiser die Untaten von Mack the Knife verkündet, oder zu den Dutzenden von geflügelten Worten, die in aller Munde sind, auch wenn sie der Büchmann noch nicht verzeichnet.

Das Buch bietet das ganze Dreigroschenpanorama, mit all seinen Gipfeln, Hügeln und Ebenen. Neben dem Text der Oper zunächst natürlich die Vorlage, John Gays Singspiel, das 1928 genau 200 Jahre alt war. Hans Magnus Enzensberger hat es übertragen, sehr munter, sehr beschlagen im Idiom unserer Tage, ein exaktes Gemisch von modernem Rotwelsch und kreuzbravem Biedersinn. Daß es historisch natürlich nicht stimmt, daß Gay um zwei Jahrhunderte verjüngt und bei der Gelegenheit kräftig verbrechtisiert wird (aus "O Joy and Pleasure", um nur ein Beispiel zu nennen, also etwa "O Lust und Wonne", macht Enzensberger "Na, da bin ich aber fein heraus"), nimmt man um der Lesbarkeit (und, was weiß ich, Spielbarkeit) willen gern in Kauf; historisch völlig "richtige" Übersetzungen sind ohnehin ein Ding der Unmöglichkeit. Jedenfalls stellt sich heraus, daß die originale "Bettleroper" nicht nur als Brechts Vorlage Interesse beanspruchen darf. Obwohl die Zeitgenossen, die sie aufs Korn nahm, längst vergessen und nur noch dem Literaturgeschichtler namentlich bekannt sind – von Pappe ist sie wahrhaftig auch heute nicht.

Ausblick aufs Dreigroschenpanorama

In seiner Umdichtung, so zeigt ein Vergleich, wie das Buch ihn nahelegt, hat Brecht kein Wort auf dem anderen gelassen, nur der ungefähre Gang der Handlung und die meisten Figuren blieben erhalten, ergänzt vornehmlich durch Tiger Brown, den Polizeikommissar und alten Freund des Ganoven Macheath – listigerweise hatten die beiden im Krieg zueinander gefunden. Wie Gay will auch Brecht die "anständige" Oberwelt durch die "verkommene" Unterwelt parodieren – aber er geht sehr viel härter und massiver ans Werk. Fragte Gay – bei aller Bitterkeit – nach den Einnahmequellen bestimmter Beamter, so fragt Brecht: Denn wovon lebt der Mensch? (Indem er stündlich den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.) Er will nicht mehr bestimmte Mißstände geißeln, sondern den Bankrott einer Gesellschaft anzeigen. Wenn sich die Anvisierten kaum getroffen fühlten, so lag das daran, daß eine verkehrte Welt, in der die Gauner die Allüren von feinen Leuten haben, leicht als bloßer Jux abgetan wird. Dennoch, einiges blieb ja sitzen ...

Diese beiden Stücke aber machen noch nicht einmal ein Viertel des schier unerschöpflichen Buches aus. Den Rest füllen diverse Nachträge (darunter der Kanonensong des Dritten Reichs), Rezensionen, Essays und vor allem der "Dreigroschenroman", der, 1934 – das heißt nach Brechts Bekehrung zum Kommunismus – entstanden, das Thema "aktualisiert" (angeblich waren die Batawerke gemeint) und so breit ausspinnt, daß ihm die Haupttugend der Oper, die ungemeine Konzentration, bei der jedes Wort ein Nadelstich oder ein Keulenschlag war, völlig abfanden kommt.

Kerrs selbstbewußter, soldatisch schnarrender Großangriff, in dem er Brecht höhnisch des Plagiats beschuldigte, weil 25 Verszeilen der Songs aus Ammers Villon-Übersetzung stammten, fehlt natürlich nicht, noch fehlt Brechts berühmte Replik, in der er sich mit seiner "grundsätzlichen Laxheit in Fragen geistigen Eigentums" entschuldigt; eine andere, bisher ungedruckte Entgegnung zeigt allerdings, daß er die Attacke durchaus nicht mit so großer Lässigkeit abschüttelte, wie es den Anschein hatte.

Zu den faszinierendsten Dokumenten des Budes gehören allerdings die Auseinandersetzungen im die Verfilmung des Stoffes. Ihnen voran steht Brechts "dialektisch" umgedachter Entwurf eines Szenarios, "Die Beule": Macheath, der Straßenräuber, wird hier wunderbar unvermittelt zu einem Bankdirektor. Begreiflicherweise wollte sich die Filmgesellschaft darauf nicht einlassen; da sie dem Dichter vertraglich jedoch volle Freiheit zugesichert hatte, gab es Streit. Brecht veranstaltete, was er ein "soziologisches Experiment" nannte: er verklagte die Firma, nicht eigentlich, um zu gewinnen, sondern um nachzuweisen, daß sich der Künstler in der kapitalistischen Gesellschaft nicht gegen das Kapital (800 000 Mark standen auf dem Spiel) durchsetzen könne, um an einem konkreten Beispiel einen gesellschaftlichen "Antagonismus" zu demonstrieren, den Widerspruch zwischen der Rücksichtslosigkeit in Geldsachen und dem vagen Glauben an die Unverletzlichkeit individueller Rechte – genau jenen Widerspruch, der das Thema der "Dreigroschenoper" bildet.

Brecht verlor den Prozeß. Seine Schilderung und Analyse dieser peniblen Affäre könnte einen zum Kommunisten machen, hielte man sich nicht die sehr viel krasseren Antagonismen vor Augen, die die kommunistische Rechtsprechung zutagefördert. /

Die "Dreigroschenoper" selber ist von solcher ideologischen Strenge noch weit entfernt. Bei Schuhmacher, dem linientreuen Brecht-Exegeten, bekommt sie denn auch keine gute Zensur. Die Polemik ist ihm zu diffus (in der Tat, erkennbare Urbilder wie bei Gay haben Brechts Ganoven nicht), zu deutlich die pure anarchische Lust, und vor allem, es fehlt die Gegenkraft, das gesunde Proletariat (das auch im späteren Werk höchstens in einzelnen Gestalten, nie im Kollektiv, erscheint). Daß Brecht den bürgerlichen Lebensstil durch die zynische Zuspitzung seiner heimlichen Leitgedanken tödlich treffen wollte, genügt ihm nicht.

Denn das war ja Brechts Absicht: der Bürger sollte sich durchschaut fühlen, sollte über sich selber lachen müssen; "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral" – das ist keineswegs, wie man immer noch oft hören kann, Brechts eigene schnodderige Maxime, im Gegenteil, es ist seine Parodie bürgerlicher Gepflogenheit. Sein Ausweg ist nicht der des landläufigen Moralisten, der verlangt, der Mensch solle um jeden Preis moralisch sein, auch wenn er dabei vor die Hunde geht. Brecht zieht den anderen Schluß: man gebe dem Menschen zunächst zu essen, dann kann er auch moralisch und "gütig" sein.

Ausblick aufs Dreigroschenpanorama

Aber damals, im Jahre 1928, hatte sich Brecht noch nicht entschieden; noch sagt er "der Mensch", wo er als Kommunist "der Bürger" oder "der Kapitalist" oder "der Ausbeuter" sagen müßte. Nur seinen Feind hatte er sich gewählt: den verlogenen Geschäftemacher, dessen rechte Hand nichts von der linken weiß, der seinem Nachbarn das Geld aus der Tasche zieht, ihm langsam die Gurgel zudrückt und dazu salbungsvolle Reden hält. Ihn verfolgte er mit seinen geschliffenen Dialogen und Songs, witzig und bitter und auch mit einer mühsam unter Bergen von Spott versteckten Bereitschaft zur Nachsicht, die ihm aus der Erkenntnis kam, daß es zu leicht sei, für alle Miseren der Welt allein die Schlechtigkeit des Menschen verantwortlich zu machen:

Bedenkt das Unrecht und die große Kälte In diesem Tale, das vom Jammer schallt.