In Menton ist alljährlich an einem bestimmten Abend im August jedermann zur einzigen kostenlosen Mahlzeit an der Côte d’Azur eingeladen – zur „Bazai“. Da wird auf der Place des Logettes im Herzen der alten verwinkelten Stadt in mächtigen Töpfen, deren größte 200 Liter Suppe fassen, die köstliche „soupe au piston“ gekocht. Der Widerschein prasselnder Feuer huscht über die Häuserwände, und das ganze Quartier duftet nach Fleisch, Gemüse, Knoblauch und Basilikum.

Die Speisung der Tausende ist die letzte Erinnerung an Zeiten großer Armut und Hungersnot sowie eines daraus reifenden Gemeinschaftsgefühls, und so ist denn der ungefähr fünfhundertjährige Brauch traurig und tröstlich zugleich. Als Menton im Mittelalter einmal von einer grausamen Hungersnot heimgesucht wurde, trug man zusammen, was in den Küchen an Speiseresten und was auf den Hügeln an Kräutern und Wurzeln zu finden war, auf daß es in einem einzigen großen Topf zubereitet werde. Dann bekam jedermann seinen Teil – ohne Unterschied der Person und des Standes.

Heute werden die Töpfe unter freiem Himmel von Fremden umdrängt, und die Einheimischen freuen sich über den Appetit ihrer Gäste mehr noch als über den Duft ihrer „Bazai“.

Das unmittelbar am Meer gelegene Fischerdorf Crosde-Cagnes, welches sich immer mehr zum Seebad entwickelt, hat keine römischen Steine aufzuweisen wie das benachbarte Cagnes-sur-Mer: Das Fischerdorf ist nicht älter als 120 Jahre.

Eines Tages landeten neapolitanische Barken. Kühne Männer aus Neapel und Ligurien, entschlossen, an der Küste ihr Fischereihandwerk zu betreiben, schlugen am Strand unterhalb des alten Cagnes ihre Zelte auf.

Ein Menschenalter danach traten den Fischern Zöllner in französischer Uniform entgegen: denn die Grenze des Königreiches Sardinien lag am Var. So wurden sie Franzosen, die Männer aus Neapel und Ligurien, und das Land genoß weiter die Beute ihrer berühmten Fischzüge. Heute segeln ihre Enkel über das Meer – in Barken neapolitanischen Stils, in Cros-de-Cagnes gebaut.

Die Gläubiger des alten Nizza waren gutmütiger und nachsichtiger als ihre Zeitgenossen. Wo andernorts im Mittelalter der Schuldturm drohte, kannte man in Nizza eine originellere und versöhnlichere Methode, um den Zorn unbefriedigter Gläubiger zu beschwichtigen: den Schuldnerstein.