Von Josef Müller-Marein

Es entbehrt nicht der Tragik, daß Israel in den Tagen, da der Eichmann-Prozeß viele Beobachter aus der ganzen Welt in dieses Land zieht, von einer schweren Krise heimgesucht wird. „Allein im Zeichen dieses Prozesses sind wir noch einig“, sagte kürzlich ein Israeli, der zu Besuch in Hamburg war. „Da bei uns, in Israel, aber allen Sachen das Paradoxe beigemischt ist, kann selbst die an diesen Fall gebundene Einmütigkeit auch wieder verlorengehen. Was zum Beispiel, wenn durch die grauenhaften Enthüllungen der Nazi-Verbrechen vor dem Tribunal und durch die Berichte in der Presse wieder ein allgemeiner Zorn auf die Deutschen entfacht wird? Wird da nicht sogar Ben Gurion, der starke Mann unserer Politik, neuen Anstoß erregen? Er war es doch, der 1960 in New York mit Adenauer zusammentraf, der diplomatische Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland wünschte, der den Waffenlieferungsvertrag mit Bonn abschloß und Gutes über die Haltung der Bundesdeutschen sagte! Dabei ist der Mann, der diese vernünftige Politik machte, doch derselbe, der wünscht, daß das Schicksal der europäischen Juden vor aller Welt offenbar werde. Nicht jeder versteht das, und so wird der Eichmann-Prozeß dem alten Kampflöwen Ben Gurion womöglich neue Gegner schaffen – in einem Augenblick, wo er deren mehr als genug hat.“

Was einmütig feststeht – nicht nur in den Augen der Israelis, sondern in denen der Beobachter aus aller Welt – ist die Tatsache, daß die israelische Rechtsprechung von sehr hohem Rang ist, wobei die Richter übrigens zu einem großen Teil deutscher Herkunft sind und auf deutschen Universitäten ausgebildet wurden. Den langjährigen Justizminister Dr. Rosen, dem der Aufbau des israelischen Rechtslebens zu verdanken ist, darf man sich getrost als einen Mann vorstellen, der mit „preußischen“ Eigenschaften ausgestattet ist, soweit man darunter äußerste Korrektheit, strengste Integrität und Sachlichkeit versteht. (Seit er, der Sitte folgend, seinen Namen Rosenblut in Rosen änderte, heißt er zwar „Ritter“ auf Hebräisch, aber er hätte „Diener“ heißen können: Diener am Recht. „Diener“ ist aber die Übersetzung des Namens eines anderen führenden Politikers: des früheren Ministerpräsidenten Sharett.)

Rosens Name aber wird heute nicht nur in Zusammenhang mit dem Eichmann-Prozeß viel genannt; er wird vermutlich zukünftig noch besser bekannt werden: Rosen gehört zu den Führern der „Progressiven“, das heißt der Liberalen, die soeben im Begriff sind, sich mit der Partei der „Allgemeinen Zionisten“ zu vereinen. Im Parlament, dem Knesset, wo es 120 Abgeordnete, aber zehn Parteien gibt, könnte die neue Fraktion eine ausschlaggebende Rolle spielen. Es kämen damit Politiker von europäisch-liberaler Prägung zu größerer Wirkung, denen die Intellektuellen des Landes anhängen, Hochschullehrer, Forscher, Ärzte, Ingenieure, insgesamt Leute, die nicht ausschließlich im Kibbutz, dem „Kollektivbauerndorf“, alles Heil sehen und nicht in der heute fast allmächtigen Gewerkschaft (Histadrut) und nicht im strengen anti-persönlichen Gemeinschaftsleben; Politiker, die beispielsweise den stolzen pionierhaften Leistungen der israelischen Landwirtschaft intensivere Bemühungen um den Aufbau der Industrie zur Seite stellen möchten. Diese Politiker sind ferner am ehesten geneigt, einen friedlichen Ausgleich mit den arabischen Nachbarvölkern zu suchen – hierin eines Sinnes mit vielen Angehörigen des Judentums des Auslandes, zumal des Zionistischen Weltbundes und dessen Präsidenten Dr. Nahum Goldmann (der amerikanischer Staatsangehöriger ist, übrigens sehr zum Ärger Ben Gurions, der nicht müde wird, von jedem aufrechten Zionisten die Annahme der israelischen Staatsangehörigkeit zu fordern).

Man hört aus dem Munde von Israelis, die Kontakt zu Deutschen halten oder gar alte Freundschaften wiederaufgenommen haben, Worte echten Kummers darüber, daß Dr. Rosen mehr und mehr in Gegensatz zu Ben Gurion, dem großen alten Staatsmann, geriet. Dies hängt mit der sogenannten „Affäre Lavon“ zusammen: dem „dunklen Punkt“ in der kurzen und dramatischen Geschichte des Staates Israel.

Der „Fall“ ist ebensowohl unklar wie alt, aber er ist – gleich einer Krankheit, die nur schlummerte – im letzten halben Jahr wieder zum Ausbruch gekommen und hat dazu geführt, daß Ben Gurion zurücktrat und neue Wahlen verlangt. (Bis dahin bleibt nach israelischem Gesetz freilich die alte Regierung am Ruder.)

Die „Affäre“ geht zurück zu jenem Dezembertag 1954, an dem Dr. Marzuk und Samuel Asar im Gefängnishof von Kairo erhängt wurden: zwei israelische Geheimagenten, die von der ägyptischen Geheimpolizei gefaßt worden waren – ein anderer, John Bennett mit Namen, nahm sich im Kerker das Leben. Die Ägypter behaupten noch heute, sie könnten durch Dokumente, die ihnen in die Hände fielen, beweisen, daß der Auftrag der israelischen Geheimagenten darin bestand, Bombenattentate gegen die amerikanische Botschaft und gegen das Haus des amerikanischen Informationsdienstes in Alexandrien vorzunehmen. Ziel der Aktion: Provokation einer Krise zwischen der Regierung der USA und Nasser; Spekulation auf einen Leidenschaftsausbruch der Amerikaner, die jetzt erst recht geneigt sein würden, zu glauben, daß Oberst Nasser der Feind des Westens und folglich ein Verbündeter des Ostens sei. Der israelische Geheimdienst wird als der intelligenteste und kühnste der Welt bezeichnet, wofür nicht zuletzt die Entdeckung Eichmanns und seine Entführung aus Argentinien der beste Beweis ist. Daß er sich aber Gewinn aus dem ägyptischen Abenteuer für Israel versprach, ist heute – nach mehr als sechs Jahren – kaum noch zu glauben.