Damals also war Moshe Sharett israelischer Ministerpräsident. Sein Verteidigungsminister war Pinhas Lavon, ein heute 56jähriger, in Galizien geborener Politiker, der schon 1929 nach Palästina ging und dort unter anderem am Aufbau des Gewerkschaftsbundes beteiligt war, der – ein historisches Kuriosum – älter ist als der israelische Staat. Ihn, den Verteidigungsminister, machte man verantwortlich für die fehlgeschlagene Aktion des Geheimdienstes und den Tod der drei Agenten, während er selber bis heute beteuert, von diesem Unternehmen nicht das geringste gewußt zu haben.

Schon als er das Verteidigungsministerium leitete, hat Lavon in heftigem Gegensatz zu zweien seiner engsten Mitarbeiter gestanden, die in Israel populär sind. Der eine ist Moshe Dayan, der glänzende Generalstäbler und verwegene Frontsoldat, dessen Bildnis in vielen israelischen Stuben hängt: ein intelligentes, keineswegs "hartes" Gesicht, dem nur die dunkle Schutzklappe über dem einen Auge etwas Düsteres gibt. Der andere war Lavons Staatssekretär Schimon Peres, ein besonderer Schützling des "Vater Israels" Ben Gurion und im Rufe, daß er es sei, der alle geheimen Aktionen zu verantworten hatte. Lavon trat zurück, worauf der Gewerkschaftsbund ihn an die Spitze berief, ihn, der übrigens als ein Parteifreund Ben Gurions den Sozialdemokraten (Mapei) angehört: der größten israelischen Partei, die jedoch niemals die absolute Mehrheit im Parlament erringen konnte und deren Führungsrolle heute ernsthaft bedroht zu sein scheint. Lavon hat, wie es heißt, die Geheimaktionen immer verurteilt. Er wertet jene Anschläge des Geheimdienstes in Ägypten als ein Verbrechen, erträgt es nicht, daß ihm die Verantwortung und die Schuld daran zugeschoben wurde, kämpft leidenschaftlich um seine Rehabilitierung und scheint bei alledem auch erfahren zu haben, wer unter den Offizieren Dokumente gegen ihn gefälscht, ja sogar, wer die Aktion in Kairo befohlen hat; darüber schweigt er jedoch aus Loyalität gegenüber dem Staat.

Damals, als Lavon zurücktreten mußte, wurde Ben Gurion Verteidigungsminister. Und hier ist eine weitere Erklärung für die Feindschaft zwischen beiden Männern: Lavon wurde Anfang Februar 1955 gestürzt. Es heißt, daß er, solange er Verteidigungsminister war, ein Gegner des Planes war, die wiederholten Übergriffe der Araber im Gaza-Streifen mit einem energischen Vergeltungsschlage ein für allemal zu unterbinden. Am 17. Februar trat Ben Gurion die Nachfolgeschaft Lavons an; am 28. Februar griffen die israelischen Truppen in ihren von Frankreich gelieferten Panzerwagen an. Nasser bat Moskau um Waffenlieferungen; der Sicherheitsrat der UN verurteilte – im März – die israelische Aktion im Gaza-Streifen.

Ob diese Episode in der Geschichte Israels eine andere Version des "Falles Lavon" – quasi als ein historisch belegbarer Ersatz für jene geheimnisvolle "Kairo-Affäre" – oder als eine Ergänzung dazu betrachtet werden muß, das ist offiziell und öffentlich nie geklärt worden. Halboffiziell nennt man die Aufdeckung der israelischen Geheimtätigkeit in Ägypten ein "Mißgeschick" oder eine "Sicherheitspanne". Sie wäre nach all den Jahren auch vielleicht vergessen, hätte Lavon nicht unentwegt den Kampf um sein Recht und seine Ehre geführt. Aber ein "Michael Kohlhaas" wurde er nicht dabei. Systematisch baute er seine Macht im Gewerkschaftsbund aus und war schließlich stark genug, energisch zu verlangen, daß eine Kommission zur Untersuchung seiner "Affäre" eingeleitet werde. Diese Ministerkommission trat Ende 1960 zusammen. Sie reinigte Lavon von jeglichem Verdacht, die damalige Agententätigkeit in Ägypten befohlen oder angelegt zu haben. Worauf Ben Gurion – der 70jährige, mit Temperament und Starrsinn ausgerüstete Ministerpräsident, den man einen autoritären Demokraten nennen muß – von "Rechtsbeugung" und "halben Wahrheiten" sprach und im Parlament behauptete, der Spruch sei falsch.

Der Vorsitzende der Kommission war Justizminister Rosen. Er ließ die Kränkung nicht auf sich sitzen und erwiderte die Kritik Ben Gurions mit seinem Rücktrittsgesuch. Dieser schrieb ihm daraufhin einen Entschuldigungsbrief, wiederholte jedoch bald darauf seine Worte des Ärgers und der Verdächtigung.

Dort Ben Gurion, der fast schon legendäre Staatsmann, dessen Verdienste um Israel sehr, sehr groß sind und ohne den viele Israeliten sich keine Regierung vorstellen können – hier Rosen, an dessen innerer Sauberkeit in Israel kein Zweifel möglich ist! Zwar gelang es Ben Gurion noch, Lavon von der Führung des Gewerkschaftsbundes zu entfernen. Als sich aber im Parlament zu Tel Aviv ein Mißtrauensvotum zweier Minderheitsparteien gegen ihn richtete, begehrte er maßlos auf. Das Mißtrauensvotum wurde zwar abgelehnt, doch reiste er sogleich nach Jerusalem, um dem Staatspräsidenten Ben Zwi sein Rücktrittsgesuch zu überreichen.

Ben Gurion ist berühmt und gefürchtet als Meister der politischen Taktik. Er verlangte, wie gesagt, Neuwahlen, obwohl die Amtszeit seiner Regierung vor erst knapp zwei Jahren begonnen hat (die Parlamentsdauer beträgt vier; Jahre). Ben Gurion weiß natürlich, daß das Parlament erst ein Gesetz verabschieden müßte, das vorzeitige Wahlen erlaubt. Inzwischen scheint gewiß, daß die Wahl im August stattfinden wird. Schließlich ist in den Augen der Politiker und der politisch interessierten Kreise das Ansehen Lavons als Gegenspieler Ben Gurions enorm gewachsen; im Volke aber steht der "Alte" nach wie vor als "Vater des Vaterlandes" da, als "Löwe von Israel", dem man vieles ankreidet, aber auch vieles verzeiht.

Immerhin erklären gute Kenner der israelischen Situation, daß niemals die inneren Spannungen so groß und die Staatskrise so nahe waren. Noch regiert der (zurückgetretene) Ben Gurion, aber seine Partei ist gespalten. Geht er – was offensichtlich in seiner Absicht liegt – mit dem (Minderheits-)Flügel der Orthodox-Religiösen, so hat er heute keine Aussicht mehr, die Unterstützung der Liberalen zu finden. Den Liberalen aber haben sich, wie gesagt, Anhänger und Bundesgenossen angeschlossen, die den Blick auf ein neues Israel richten, auf eine Zukunft, die mehr Möglichkeiten privater Initiative gestattet und in der die Staatsraison nicht alles deckt...