Eine halbe Stunde lang raste der Beifall bei der Uraufführung der neuen Oper des bedeutendsten Dichters im kommunistischen Raum, „Das Verhör des Lukullus“ von Bert Brecht. Als er anfing und sogleich Formen von nie an dieser Stätte gekannten Ovationen annahm, erhob sich schnell Wilhelm Pieck in der Mittelloge und zog Walter Ulbricht, den Generalsekretär der SED, mit sich fort. Der Beifall rauschte weiter. Es war ein ungewöhnlicher Abend im ehemaligen Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße.

Der Beifall war nicht programmgemäß. Das Parkett war reserviert für Volkspolizei und FDJ. Sie sollten die Stimme des „gesunden Volksempfindens“ sein. Sie sollten nicht Beifall klatschen, sie sollten pfeifen. In den ersten Minuten pfiffen einige: nur kurz, von da an schlug die Bestellten und die anderen, die so oder so in das Opernhaus des Sowjetsektors zur Uraufführung hereingekommen waren, das Werk des Dichters Bert Brecht und seines Komponisten Paul Dessau in Bann. Am nächsten Tag ist das „Verhör“ vom Spielplan gestrichen worden. K. W.