Von Ludwig Marcuse

Es ist nicht die uninteressanteste Frage an die zwanziger Jahre: weshalb sie eigentlich in den Sechzigern wieder auferstanden sind. Zur Beantwortung ist die eine Beobachtung nicht ganz unwichtig: diese Renaissance besteht nicht darin, daß die repräsentativsten Stücke von damals inszeniert, daß Romane von damals wieder gelesen werden. Vielmehr wird das Klima von einst (mehr oder weniger glücklich) in die Gegenwart gezaubert, und sie erfreut sich daran. Die Literaturwerke liegen nach wie vor in den Gräbern. Man konnte das schon erkennen, als Paul Kornfelds nachgelassener Roman „Blanche“ erfolglos erschien.

Da ist im Herbst 1960 ein Band veröffentlicht worden, der vier Romane eines Autors enthält, von denen mindestens die ersten beiden echte Zwanziger sind (und außerdem noch frisch wie am ersten Tag). Im Herbst hat man jene Vergangenheit ebenso laut wie ausgiebig gefeiert – und dieses vierfache, unterhaltende und poetische Werk (eine lockere Mischung aus Räuberroman, Schwärmerei und trefflich treffenden Erkenntnissen – vom Besten zunächst noch zu schweigen) völlig ignoriert –

Hermann Kesten: „Bücher der Liebe“ („Josef sucht die Freiheit“, 1928; „Glückliche Menschen“, 1931; „Die Kinder von Gernika“, 1939; „Die fremden Götter“, 1949); Verlag Kurt Desch, München; 723 S., 19,80 DM.

Die Nichtbeachtung hängt zunächst einmal zusammen mit der Abneigung gegen „alte Bücher“, die wie alte Kleider angesehen werden, also nicht angesehen sind; schließlich kann man für dasselbe Geld auch was Neues haben. Nicht einmal Dichter, die zu Klassikern aufgerückt sind, werden hier ausgenommen. Und es wird sich auch in Zukunft kaum die Maxime durchsetzen: wie alt oder jung ein Buch ist, bestimmt die Lektüre.

Ich war beim Lesen von Kestens frühen Romanen ebenso unbefangen, wie es fast jeder Leser heute ist: ich kannte sie nicht. Und las sie wie ein Produkt der letzten Messe. Sie können auch historich eingeordnet werden, wie es Erich Kästner in einer ausgezeichneten Einleitung unternommen hat; vielleicht akzentuiert er die post-expressionistische Nüchternheit hier etwas stark gegenüber dem expressionistischen Pathos, das diese absichtsvoll-kühle Prosa weniger verbirgt als hervorhebt. Es erscheint deutlich noch in Wendungen wie „Ausdruck kroch aus der Hülle seines Gesichts“.

Von solchen verräterischen Stellen abgesehen, könnte ich mir vorstellen, daß die beiden ersten Romane gestern von einem jungen Mann in den Zwanzigern geschrieben worden sind. Von ihm stammte dann die Sentenz: „Ich habe kein Vergnügen mehr an unnützen Worten“, oder die andere: „Laß die Erde zu neun Zehntel versinken, die Überlebenden werden sich bald beruhigen“. Kesten ist durchaus nicht immer Moralist, zu Zeiten auch weise.