Die Originalausgabe der Kriegsmemoiren des früheren britischen Premiers, sechs Bände stark, ist dem Historiker, der nach Quellen sucht, ein fündiges Forschungsgebiet, dem bequemen Spaziergänger der Geschichte jedoch eine abschreckende Strapaze. Um die Bequemen zu gewinnen, hat Sir Winston seine sechs Bände auf einen zusammengestrichen, indem er nahezu den ganzen dokumentarischen Teil, seine Briefe und Reden, auch strategische Details, wegfallen ließ. Daß er diese günstige Gelegenheit nicht nutzte, um falsche Urteile zu revidieren, um blamable Szenen wie das Zündhölzchenspiel mit den polnischen Grenzen oder die kaufmännische Prozentrechnung mit den Einflußgebieten in Osteuropa zu streichen, um die Rolle der westlichen Staatsmänner schöner zu färben, zeugt vom ungebrochenen Selbstbewußtsein des Verfassers.

Die Kurzfassung der Memoiren – Winston Churchill: „Der Zweite Weltkrieg“; Droemersche Verlagsanstalt Th. Knaur Nachfolger, München; 1124 S., 24,– DM

– wird durch ein Nachwort ergänzt, in dem Churchill über die Nachkriegsereignisse bis zur Suezkrise kommentierend berichtet.

Aus einigen Bemerkungen spricht unverhohlen der Inselbewohner, der Brite oder der Politiker. Unmißverständlich läßt Churchill spüren, daß er in seiner berühmten Züricher Rede über die Einheit Europas als Außenstehender den Kontinentalen einen Rat gab, jedoch Großbritannien für dieses Europa nicht verpflichtete. Er ist ganz und gar Britta wenn er urteilt, daß im Zweiten Weltkrieg die Araber, insbesondere die Ägypter, „den Vorteil eines kostenlosen Schutzes vor einer deutsch-italienischen Invasion genossen“. Er ist ein Vollblutpolitiker, wenn er ohne Rücksicht auf die historische Forschung von drei deutschen Überfallen auf Frankreich – Sedan (!), Verdun, 1940 – und von drei westlichen Überfällen auf Rußland – Borodino, – Tannenberg (!) und Stalingrad spricht. Aber selbst die nonchalante Einseitigkeit Churchills hat noch das Format des großen Unbekümmerten. chz