Von Dieter Sauberzweig

In den ersten beiden Folgen seines Berichts untersuchte Dieter Sauberzweig, Dr. phil. und Geschäftsführer der Studienstiftung des deutschen Volkes, die nationalsozialistischen Buchverbrennungen und die wenig rühmliche Weise, in der die Lehrenden der grassierenden Ideologie zum Opfer fielen; heute schildert er die nicht minder schnelle und gründliche Gleichschaltung der Studenten.

Es gab natürlich in allen Wissenschaften Männer, die sich bei ihrer Arbeit allein der Wahrheit verpflichtet fühlten. Unauffällig und in kleinen Kreisen führten sie auch weiterhin eine politisch sachliche und wissenschaftlich saubere Diskussion. Reinhardt erzählt von einem solchen Kreis an der Leipziger Universität, an die man ihn von Frankfurt berufen hatte. Vor allem aber ist hier auch die Berliner „Mittwochgesellschaft“ zu nennen, der sechzehn Wissenschaftler – unter ihnen Jessen, Popitz und Spranger – angehörten und die engen Kontakt zur Widerstandsbewegung hielt.

Zu erwähnen ist aber auch, daß einige Zeitschriften sich ihre geistige Unabhängigkeit in erstaunlicher Weise bewahrten. Das Hochland, die Weißen Blätter und die Deutsche Rundschau waren Beispiele dafür, daß man auch im nationalsozialistischen Staat vieles schreiben konnte, ohne seine Gesinnung zu verkaufen.

Brauchbare wissenschaftliche Literatur erschien auch weiterhin in allen Fächern. Die Liste der wissenschaftlichen Veröffentlichungen von 1933 bis 1945, welche die Bonner Universität 1946 herausgab und bei der alle Werke mit nationalsozialistischer Tendenz ausgelassen worden waren, nennt fast 3000 Titel. Viele Bücher enthielten sogar durch die Behandlung fernerliegender, aber der Gegenwart durch Ähnlichkeit verbundener Ereignisse auf indirekte Weise Kritik am Regime. Auf diese Tatsache weist auch Hans Rothfels in seinem Buch „Die deutsche Opposition gegen Hitler“ hin; er hebt hervor, daß man sehr viel sagen konnte, wenn man sich mit Demosthenes gegen Philipp von Mazedonien oder mit Burckhardt gegen Nietzsche wandte; man konnte auch durch Bücher über Cromwell, Robespierre oder die Wiedertäufer im 16. Jahrhundert auf die Probleme der Gegenwart aufmerksam machen.

Das gleiche „indirekte Richtverfahren“, wie Rothfels es nennt, wurde auch in Vorlesungen angewandt. Reinhardt hielt seine erste Vorlesungsstunde nach der Machtergreifung über die „Göttinger Sieben“, über die sieben Göttinger Professoren also, die dem Absolutismus des Königs von Hannover zu trotzen gewagt hatten. Kommereil schloß einmal sein Kolleg über den Simplizissimus mit des Simplicius verdrehter Bitte aus dem Vaterunser: „Erlöse uns von dem Reich“. Ihr eigentliches Ziel, nämlich die vollkommene Beseitigung der freien Forschung, haben die Nationalsozialisten nicht erreicht.

In diesem Beharren auf wissenschaftlicher Tradition und in dem Bestehen auf geistiger Kontinuität kamen zweifellos Kräfte zur Geltung, die das Vordringen des Nationalsozialismus erschwerten. Wilhelm Röpke der deutsche und seit 1937 in Genf lehrende Nationalökonom, hat in seinem 1945 erschienenen Buch „Die deutsche Frage“ sogar gemeint, daß man in dieser Haltung „eine Art von Opposition“ erblicken könne. Dieses Wort eines Mannes, der dem Verhalten seiner deutschen Kollegen innerhalb des Reiches keineswegs kritiklos gegenüberstand, ist gewiß ernst zu nehmen. Fest steht jedenfalls, daß es ungerecht wäre, nur ein Bild in schwarzen Farben zu malen.