Es geht um die Flucht von Ost nach West, die Flucht vom einen Deutschland ins andere. Aber wer will das schon wissen, nicht wahr? Es genügt, daß es passiert, stündlich, täglich, jede Woche, Monat für Monat, Jahr für Jahr. Nun auch noch einen Film darüber drehen, einen „Spielfilm“? Da Filmproduzenten und Verleiher von Haus aus Kaufleute sind, ließen sie die Finger davon. Man versprach sich kein Geschäft. Frühere Filme zu dem Thema waren keine Erfolge, so Käutners „Himmel ohne Sterne“.

Jetzt drehte ein Außenseiter, Will Tremper, den Film „Flucht nach Berlin“. Er schrieb das Drehbuch, inszenierte den Film und schnitt ihn selbst. Er fand Amerikaner, die ihm 100 000 Dollar gaben. Er holte sich keine Stars, verzichtete auf Ateliers und hielt seinen Mitarbeitern immer wieder vor: Es kann sein, daß wir alle keinen Pfennig verdienen werden, wenn der Film ein Reinfall ist.

Dies ist die Handlung: Funktionäre der SED überschwemmen ein Dorf in Anhalt, das sich bisher energisch geweigert hat, in die LPG, die Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft, einzutreten. Der Führer der Agitatoren, ein junger fanatischer Kommunist mit Namen Claus Baade, legt sich mit dem Bauern Güden an und wird von ihm niedergeschlagen. Güden flieht, seine Frau und sein Sohn haben ein paar Stunden Vorsprung. Sie fahren mit dem Zug und erreichen Westberlin. Er selbst erreicht die Interzonen-Autobahn und überredet auf einem Parkplatz eine Schweizer Journalistin, ihn bis kurz vor Berlin mitzunehmen. Den Funktionär Claus Baade hat die vorgesetzte Parteileitung inzwischen abserviert. Sie werfen ihm vor, daß er versagt hat. So macht sich auch Baade auf den Weg nach Berlin, nach Ostberlin allerdings. Er will sein Recht suchen, „wenn es sein muß, bei Walter Ulbricht selbst...“

Der Zufall führt sie am Ufer der Havel, gegenüber von Westberlin, wieder zusammen, den Bauern Güden und den Funktionär Baade. Einer trieb, ohne es zu wissen, den anderen hierher. In einer Bude im Schilf stehen sie sich gegenüber, kämpfen haßerfüllt miteinander und locken eine Streife der Volkspolizei an. Da verhilft der Funktionär Baade, der zornige junge Mann, dem Bauern und der Journalistin zur Flucht. Sie schwimmen durch den Wannsee und werden in ein Hausboot gezogen, auf dem eine Party gefeiert wird. Sektkorken knallen. Worauf soll man mit diesen „armen Schweinen“ anstoßen? Auf die Freiheit natürlich, worauf denn sonst?

Wird der Film dem Thema gerecht? Kann er es überhaupt? Wie soll man denn die deutsche Misere zwingend und glaubhaft darstellen, die uns selbst, den Zuschauern des Flüchtlings-Alltags, oft unergründlich bleibt? Da gehen, fünfzehn Jahre nach Kriegsende, Menschen weg von ihrem Hof, einfach weg, ohne alles, was zu ihrem Leben gehört. Bemühen wir uns, sie zu verstehen, ihnen gar zu helfen und uns nicht auf den Staat zu verlassen? Bewältigen wir unsere Gegenwart?

Dieser Film hat etwas Entscheidendes vollbracht: Er ist glaubhaft. Seine Dialoge stimmen. Jawohl, so reden sie, die kleinen Herren mit dem Parteiabzeichen. Tremper verfällt nicht in die billige Art, die Funktionärstypen unsympathisch zu zeichnen. Der eigentliche Held des Films ist nicht der Bauer, der trotz überzeugender Motive in seinem Handeln vordergründig und in seiner Haltung angreifbar erscheint. Sein Gegenspieler Baade ist der „Held“, sofern hier überhaupt nach einem Helden gerufen wird. „Ich war immer so stolz auf die Partei...“, sagt dieser junge Mann, der seinen Vater verabscheut, weil er immer und überall zurecht kam: vor den Nazis, bei den Nazis und jetzt bei den Kommunisten. Der nie Farbe bekannte, weil es auch ohne Bekennertum ganz gut geht.

Wenn man davon absieht, daß dieser Film sozusagen mit national-pathetischen Pflicht-Ehren bedacht wird, weil wir ein schlechtes Gewissen haben – wenn man davon absieht, bleibt übrig, was gut an diesem Film ist. Mitunter ist er eine Spur zu reißerisch. Er spekuliert mit knalligen Effekten. In den Hauptrollen: Christian Doermer (Claus Baade), Narciss Sokatscheff (Güden), Susanne Korda (Journalistin).