Die Skepsis, die in dieser Haltung zum Ausdruck kommt, taucht auch bei den Fragen auf, die die internationale Lage betreffen. 38 vH der Befragten sagen: Sie wissen nicht, ob sie noch einen neuen Weltkrieg erleben werden; 24 meinen, daß dies nicht der Fall sein werde, und nur 38 vH fühlen sich durch diese Aussicht bedroht. Wenn wir Bilanz ziehen, so konstatieren wir: Die skeptische Haltung der Jugendlichen richtet sich wohl gegen die überlieferten Ideologien, aber gewiß nicht gegen die persönlichen und moralischen Ideale: 78 vH erklären, ohne ein Ideal könne man nicht leben.

Ein Philosoph hat sich die Frage vorgelegt, ob ein solcher Mangel an Leidensfähigkeit und ein solches Verlangen nach Lebensfreude, wie wir sie bei der heutigen Jugend antreffen, nicht eine „große äthische Leere“, ja, geradezu eine verödete Innerlichkeit verraten. Ausgeschlossen ist das nicht. Aber das Alltagsleben spielt sich nicht auf den hohen Gefilden ab, die den Philosophen teuer sind.

Das Französische Institut für Meinungsforschung hatte sich nach Schriftstellern erkundigt, welche die jungen Menschen beeinflußt haben, und um eine Rangliste der Genannten gebeten. Das Ergebnis der Umfrage war so dürftig wie ihr Ausgangspunkt fraglich. Denn so eine Frage konnte einem breiten Bevölkerungsquerschnitt doch nur von Intellektuellen vorgelegt werden, welche die literarische Aussage stets überschätzen. Die Antworten waren auch danach: 48 vH der jungen Menschen erklärten sich außerstande, auf eine solche Frage überhaupt eine Antwort zu geben. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn wer vermutet schon, daß mehr als ein Bruchteil der Jugendlichen sich für zeitgenössische Dichter interessiert? Was die übrigen 52 vH anlangt, so sind ihre Reaktionen ebenso bezeichnend. Schriftsteller, die vor dem Krieg von sich reden gemacht und damals ein großes Publikum erreicht hatten, sind heute praktisch vergessen: Breton, Alain, Aragon, Bernanos und Maunas bekamen mäßigen, sehr mäßigen Beifall. Malraux erhielt gerade noch 4 vH der Stimmen, Camus 5 vH, Gide immerhin 9 vH. Nur ein einziger Schriftsteller erreichte 20 vH: Sartre. Aber warum? Die Befragten meinten weniger den Philosophen und Romanschriftsteller als den Dramatiker und Filmautor Sartre!

Diese Zahlen sind interessant: Einer Literatur des Absurden, der Heldenmütigkeit, des Skandals und der Revolte halten die meisten jungen Menschen einfach ihre Vorliebe für das Glück entgegen, die Neigung zur Liebe. Sie lehnen das Absurde ohne weiteres ab und bekunden den Willen, ihr Schicksal selber in die Hand zu nehmen. Dieser Zwiespalt ist bezeichnend – um so mehrmals dieselben jungen Menschen ausgiebig für die sogenannte „schwarze“ Literatur (von Sartre bis Camus) schwärmen – mit der ausdrücklichen Betonung allerdings, daß es sich dabei „nur“ um Literatur und nicht um Leben handelt.

Die modernen Massenkommunikationsmittel – so ergibt sich aus diesen Zeugnissen – scheinen die Kluft zwischen dem Imaginären und dem Realen vertieft zu haben. Diese Auffassung steht zwar in krassem Gegensatz zu der von den Soziologen vertretenen Meinung, derzufolge das Publikum sich mit den ihm dargebotenen Vorbildern identifiziere. Tatsächlich aber suchen die jungen Menschen von heute bei der Literatur nicht Hinweise für die Lebensführung oder gar Belehrungen moralischer Art.

Diese Situation ist neu; denn bisher galt es als ausgemacht, daß die französische Literatur ein ethischer oder politischer Lehrmeister sei. Diese Zeit ist aber vorüber.

Wenn wir nämlich auf das Endergebnis der Umfrage zurückkommen, so scheint sich folgendes sehr klar herauszustellen: Die weitaus meisten der Befragten setzen in dreierlei Weise auf das Leben. Sie setzen darauf, daß sich ihr persönliches Leben in Glück und Harmonie vollziehen wird; sie setzen darauf, daß die technisch-industrielle Zivilisation unserer Zeit ihnen günstige, ja ungeahnte Zukunftsmöglichkeiten eröffnet; und sie setzen schließlich darauf, daß uns die demokratischen Freiheiten und Rechte erhalten bleiben. Diese optimistische Einstellung gegenüber Leben und Schicksal steht in grundsätzlichem Widerspruch zu allem, was unsere Intellektuellen seit Beginn des Jahrhunderts verkünden. Unserer Jugend scheint der Sinn für die Revolte, das Gefühl für das Absurde und die Ahnung apokalyptischer Katastrophen vollkommen abzugehen.