Der Kreml zwischen Utopie und Realität: sowjetische Blaupausen für das zukünftige Leben im Kommunismus (I)

Von Wolfgang Leonhard

Wie wird das Leben in der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft aussehen? Unter Stalin lag ein strenges Tabu auf der Frage nach konkreten Einzelheiten der Zukunftswelt. Die allgemeine Standard-Antwort beschränkte sich auf den Hinweis, eines Tages werde die wirtschaftliche Entwicklung eine solche Höhe erreichen, daß das Prinzip „Jedem nach seinen Bedürfnissen“ eingeführt werden könne. Dann werde das Geld abgeschafft, und die Güter würden kostenlos verteilt. Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Arbeitern und Bauern würden genauso überwunden wie die Unterschiede zwischen geistiger und körperlicher Arbeit. Verbrechen und Vergehen würden der Vergangenheit angehören, Staat, Verwaltungsapparate und Gerichte schrittweise abgebaut und nach dem Endsieg des Kommunismus in der ganzen Welt völlig absterben.

Wer aber zu Stalins Zeit auf politischen Seminaren oder in einer Parteischule etwas Genaueres wissen wollte, wurde stets zurückgewiesen – dies habe ich selbst dutzende Male erlebt. „Spintisiere nicht, Genosse“, hieß es dann. „Wir sind keine Utopisten. Diese Fragen werden zukünftige Generationen entscheiden.“

Seit einigen Monaten ist jenes Tabu gebrochen, der bis vor kurzem gültige Parteigrundsatz offenbar aufgehoben, man solle sich nicht in Zukunftsspekulationen verlieren. Die neue Welle der „wissenschaftlichen Prophezeiungen“ steht dabei in einem bemerkenswerten Gegensatz zu dem realistischen Zug, der sich während der vergangenen Jahre in der Sowjetunion durchgesetzt hatte; er muß wohl sogar als eine Art ideologischer Gegenschlag aufgefaßt werden.

Am bekanntesten und aufschlußreichsten sind bisher drei ausführliche Aufsätze, die Professor G. Strumilin, ein Mitglied der Akademie der Wissenschaften, in der „Industrie- und Wirtschaftszeitung“ in der „Neuen Welt“ und im „Oktober“ über die zukünftigen Wohnverhältnisse, die unentgeltliche Verteilung der Güter, ja sogar über den Tagesablauf in der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft veröffentlicht hat. Doch steht Professor Stumilin keineswegs allein da. Der Parteiideologe Z. A. Stepanyan berichtete im „Oktober“ über den Zeitpunkt, an dem die kommunistische Gesellschaft erreicht sein wird; G. Shitarew beantwortet in der Zeitschrift „Politisches Selbststudium“ die Frage, wann und unter welchen Umständen die Kommunistische Partei sich auflösen werde; A. Chartschow gab kürzlich im „Kommunist“ sogar Einzelheiten über das Familienleben in der zukünftigen kommunistischen Gesellschaft bekannt. Dr. G. Gradow, Direktor des Instituts für öffentliche Bauten der UdSSR und korrespondierendes Mitglied der Akademie für Bauwesen und Architektur, bot im Regierungsblatt „Iswestija“ eine minuziöse Schilderung der Wohnverhältnisse nach Erreichung des kommunistischen Endziels. Auch das neue Lehrbuch „Grundlagen des Marxismus-Leninismus“ widmet der Zukunftsentwicklung der neuen Gesellschaft ein Kapitel von mehr als zwanzig Seiten.

Arbeit – „der höchste Genuß“