Auch hier, am Elbdeich, wird es nun Frühling. Ein untrügliches Zeichen dafür ist, daß die Schwäne ziehen. Dieses singende Geräusch ist elektrisierend; davon wache ich nachts auf und starre ins Dunkel und höre an ihren Lockrufen, daß sie gen Osten ziehen. Eine Frau, die seit 1945 im Dorf wohnt, sagt: „Sie fliegen dorthin, woher wir kommen!“

Wir haben schon tagelang Westwind. Dann staut die Elbe bis an unseren Deich. Bei Ebbe sieht man die Zaunpfahlspitzen, bei Flut nur noch den oberen Teil der Kopfweiden: Hierorts alles landunter!

Und morgens sehe ich weit hinten auf dem flachen Wasser weiße Punkte. Im Fernglas sind acht Schwäne auszumachen. Jedesmal, wenn ich durch das obere Zimmer komme, das über den Deich hinausragt, kontrolliere ich die Schwäne. Das Fernglas steht am Fenster. Am nächsten Morgen sind es schon zwanzig Schwäne. Jetzt sieht es wie ein gutes Champignonfeld aus. Mit der Flut kommen sie etwas näher, bei Ebbe ziehen sie auf die tieferen Wiesen. Nur, wenn ein Kahn die Ilmenau herauffährt, die hier in die Elbe mündet, heben sie alle die Köpfe. Dann kann man sie gut zählen.

Wie alle Zugvögel, wechseln die wilden Schwäne sich in der Wache ab; zwei, drei schwimmen aufmerksam umher, während die übrigen gründein. Abends sind es siebzig Schwäne, am nächsten Morgen sogar hundert. Mit Hund und Fernglas bin ich in Gummistiefeln hinunter an die Wiesen gegangen. Ein feuchter Weg in ihrer Nähe wird bei Ebbe sichtbar. Die Sonne scheint auf das riesige Champignonfeld. Das blendet. Sobald ich näherkomme, kann ich einzelne Schwanenfamilien unterscheiden. Manche Alten haben vier oder fünf Junge. Die jungen Schwäne sind noch grau befiedert, sie werden erst nach der Mauser weiß. Im Näherkommen – und angesichts der jungen Schwäne – wird mir auch klar, warum ich oft auf ungerade Zahlen kam; zuletzt, in größter Nähe, hatte ich 169 ausgemacht. Mich hatten die ungeraden Zahlen beunruhigt, weil Schwäne doch Ehepaare fürs Leben sind.

Zwischen den Schwänen schwimmen viele Spießenten, auch Bleßhühner und große Taucher. Die Spießenten-Männchen (sagen die Zoologen „Spießerpel“?) sind sehr schön gezeichnete Tiere. Sie haben schwarze Flügel; auch der Kopf ist schwarz, und dazu tragen sie ein weißes Frackhemd.

Die Schwäne sind nachts weiter gezogen. Die dunkle Luft war erfüllt vom Schwirren der Flügel und von leisen Rufen. Morgens war auch das Hochwasser fort. m