III. Ein neuer Wind treibt Frankreichs Mühlen – Erstaunlicher Gesinnungswandel – Wesentlich: Beruf, Glück, Liebe

Von Jean Duvignaud

Frankreich ist nicht mehr „das sterbende Land“. Längst verzeichnen die Statistiker wieder einen Geburtenüberschuß. Diese Tatsache hat große wirtschaftspolitische Bedeutung – wie Emile Roche in seinem Beitrag „Ein neuer Geist treibt Frankreichs Räder“ (ZEIT Nr. 11) erläuterte –, aber nicht nur das allein: Sie führte zu einem Wandel der Sozialstruktur und zu einer einzigartigen Veränderung in der Lebenseinstellung der jungen Generation. Damit beschäftigt sich Jean Duvignaud in seinem Beitrag zu der Essaysammlung „Frankreich deutet sich selbst“ (sie erscheint demnächst im Verlag von Hoffmann und Campe, Hamburg). Wir bringen dieses Kapitel hier, gekürzt, als Vorabdruck. Sein Autor ist in Frankreich kein Unbekannnter mehr: Duvignaud, Schüler von Raymond Aron, lehrt heute als Soziologe am Institut des Hautes Etudes in Tunis und veröffentlicht seine – oftmals provozierenden – sozialkritischen Aufsätze in angesehenen französischen Zeitungen.

In Frankreich ist Tugend Mode. Das ist natürlich ein Gemeinplatz: Überall spricht man von der „Jugend“, von der „Neuen Welle“, vom jungen „Neuen Roman“, von den „jungen Couturiers“. Muß ich diese Liste noch fortführen? Malle, Françoise Sagan und Saint Laurent sind Beispiele dafür, nur Beispiele. Sie deuten hinreichend an, daß ein Wechsel stattgefunden hat und die Jugend ein unersetzlicher Wert geworden ist, fast schon eine international gültige Währung!

Vor Jahren, vor dem Zweiten Weltkrieg, nahm Jean Giraudoux als Reaktion gegen ein allgemeines Vorurteil die „französischen Bürger“ in Schutz: Weit entfernt davon, sich den abenteuerlichen Karrieren zu widersetzen, die ihre Kinder etwa einzuschlagen beabsichtigten, protestierten sie nur der Form halber; insgeheim fühlten sie sich sogar geschmeichelt. Heute müßte man Giraudoux doppelt recht geben, wenn nur die in Rede stehenden Karrieren inzwischen nicht auch die letzte Spur von Abenteuerlichkeit eingebüßt hätten. Doch, wie dem auch sei: Die Fünfzigjährigen haben heute herausgefunden, daß man auf Jugend und Jugendlichkeit setzen muß. Mit der Jugend arbeiten, heißt sicher investieren.

Aus diesem Grunde sieht man auch, wie gegenwärtig in Frankreich große Unternehmer und einflußreiche Manager die Angehörigen der sogenannten „nouvelle vague“, der neuen Welle, vor allen anderen bevorzugen. Natürlich kann man dazu sagen, daß diese „Begünstigung“ der Jugend den Praktiken jener geschäftstüchtigen Kunsthändler gleicht, die vorsorglich Bilder junger unbekannter Maler aufkaufen und in ihren Kellern stapeln, weil sie vielleicht eines Tages im Wert steigen werden. Selbst die akademischen Kreise sind auf diese Linie eingeschwenkt.

Aber was hat diese jugendliche „Welle“ eigentlich zu bedeuten? Was verbirgt sich wirklich hinter dieser lauten Lobhudelei? Was sind denn diese jungen Franzosen, wenn sie den Begriff von Jugend ablehnen, der ihnen von den Älteren vermittelt wird? Wie denken sie also über die Zukunft, sie, die selbst die Zukunft sind?