Eine gewisse Historiographie will hartnäckig an der These festhalten, der Erste Weltkrieg liege wie eine Zäsur zwischen einem Zeitalter bürgerlicher Erschlaffung aller schöpferischen Kräfte vorher und einem ungeahnten Aufbruch des geistigen Lebens nachher.

Bei näherem Hinschauen besteht der übermäßig gepriesene künstlerische Reichtum der „zwanziger Jahre“ im wesentlichen aus der Ernte dessen, was zwischen 1900 und 1914 gesät worden war, keimte und zum Teil auch schon Früchte getragen hatte.

Es wäre irreführend, wollte man den für die Jahre unmittelbar vor dem Kriege und noch die ersten Kriegsjahre selbst so charakteristischen allgemeinen Vorstoß zur Eroberung eines geistigen Weltbildes als eine Loslösung einzelner Individualitäten von der Allgemeinheit deuten. Daß dem nicht so war, wird durch nichts so überzeugend dargetan wie durch das Schicksal des Malers Franz Marc, der den Krieg und das Soldatenlos mit derselben Unbedingtheit annahm wie Zehntausende von Bürgersöhnen. Vielleicht ist auch an dem Opferwillen jener schnell ausgelöschten Jugend weniger hohler Hurra-Patriotismus beteiligt gewesen als eben die erwähnte geistige Erneuerung, die damals als Zeittendenz tatsächlich „in der Luft lag“.

Ein Buch, das diesen mächtigen „Drang in den Geist“ in gleichzeitigen Verlautbarungen bedeutender Repräsentanten wieder aufleben läßt, bestätigt nur die notwendige Korrektur der üblichen Lesarten. Allein die Häufung klangvoller Namen spricht gegen die Hypothese der „Außerzeitlichkeit“ des einzelnen. Sie, die in dem Buch, von dem hier die Rede ist

„Franz Marc im Urteil seiner Zeit“, Einführung und erläuternde Texte von Klaus Lankheit; Verlag M. DuMont Schauberg, Köln; 139 S., 12,– DM

zu Worte kommen, wirkten und strebten in derselben Richtung. Alle diese Wege führten über die nüchternste, sachlichste Handwerksauffassung und abseits jeglicher Phraseologie – beides sehr im Gegensatz zu späteren Stadien der modernen Kunstgeschichte.

Was als Ehrung des einen Künstlers gedacht war, dessen Geburtstag sich im Vorjahr zum 80. Male jährte – sein Todestag in diesem Jahr zum 45. Male –, wurde zu einem bewegenden Kulturbild, an welchem die Verfasser der Beiträge zu ihrer Zeit entscheidend mitgearbeitet haben. Es sind: Herman Nohl, August Caselmann, Helmuth Macke, Reinhard Piper (der Verleger des „Blauen Reiters“) Kandinsky, Klee, Else Lasker-Schüler, Theodor Däubler, Wilhelm Hausenstein, Rilke, Lothar Schreyer und noch andere. Ihre Namen, neben denen auch die der beiden anderen im Krieg Gefallenen, August Macke und Albert Weisgerber, auftauchen, stehen für den Übergang vom Expressionismus in die Abstraktion – die indessen damals insofern noch immer expressiv blieb, als sie den lebendigen Geist meinte, nicht die mechanische Konstruktion, die Seele der geformten Welt, nicht deren Verneinung. W. Abendroth