Professor Dr. Walter Jens darf als einer der besten Kenner neuester deutscher Literatur gelten. Als ungewöhnlich glücklich muß das Zusammentreffen von philologischer Akribie, schöpferischer Potenz und literarischem Temperament erscheinen, das den Hochschullehrer, Romancier und Kritiker Jens charakterisiert. Sein jetzt im Piper-Verlag, München, erscheinender Überblick über die „Deutsche Literatur der Gegenwart“ (157 S., 7,80 DM) könnte lebhafte Diskussionen auslösen; denn Walter Jens begnügt sich dabei nicht mit schematisierender Literaturbetrachtung, sondern er stellt überall Bezüge her zum deutschen Alltag des literarischen Lebens. Wir geben hier eine Probe aus diesem Buch.

Wer Verkündigungen und Traktate erwartet, tut gut daran, die Poeten unserer Tage zu meiden: Gemeindedichter sind unter den Schriftstellern, die nach 45 zu schreiben begannen, nirgendwo zu finden.

Der Einfluß der Jungen ist gering; die Art und Weise, in der sie den Zeit-Phänomenen begegnen, ihre Weigerung, in die Elfenbeintürme zu fliehn und den Dämonen zu weichen, wird manchen Schöngeist verärgern. Nicht zufällig sind die Auflagen moderner Autoren bescheiden und klein: Kritik, Voraussetzung allen Verwandeins, steht niedrig im Kurs. Man spricht von Bölls und Günter Grass’ Erfolg? Von literarischer Größe, von Nobel-Preis-Exspektanz? – Doch was sind 50 000 Exemplare, wenn man bedenkt, daß eines Ziesels opera (wie bitter hat der Arme einst sein outcast-Dasein beklagt!) die Millionengrenze schon überschritten? Mag auch von Zeit zu Zeit ein Taschenbuch Abhilfe schaffen, was bedeuten, an solchen Zahlen gemessen, die zwei- oder dreitausend Bände, die der Verleger von Ilse Aichinger und Wolfdietrich Schnurre, von Siegfried Lenz und Marie Luise Kaschnitz verkauft?

Gewiß, die Kritik spricht viel von der „Größeren Hoffnung“ und dem „Los unserer Stadt“, doch in die Breite wirken wird bei uns nur ein Schriftsteller, dem es gelingt, zum Schulbuch-Autor zu werden und, als Vertreter ewiger Werte, die Lektüre der Sekunden und Primen mit reifen Sentenzen zu würzen. Trotz rühmlicher Exempel allüberall – Schüler lesen Bankmann und Böll, Lehrer deuten Celan und Nossack – bevorzugen gewichtige Literaturgeschichten weiterhin Kolbenheyer und Zillich und nennen – das ist das Schlimmste – Borchert, Heißenbüttel und Eich in einem Atemzug mit Schollenhymnikern des Dritten Reichs und Traktätchen-Autoren.

Im übrigen, welche Verzeichnungen ergeben sich hier! In der achten Auflage ihrer Historie – ein beliebiges Beispiel – sprechen Leo Krell und Leonhard Fiedler, Verfasser eines Werks, das man gemeinhin als „klassisch“ bezeichnet, kürzer über Heinrich Mann als über Ernst Wiechert; Hausmanns wird länger gedacht als Ernst Stadlers; Bergengruen scheint, will man der Seitenzahl trauen, größer als Kafka, Kolbenheyer unendlich viel bedeutender als der mit zwei gegenüber vierzig Zeilen vertretene Joseph Roth zu sein!

Der Bayerische Schulbuch-Verlag – ein zweites, nicht minder beliebiges Beispiel – ließ sich von Grabert und Mulot eine Literaturgeschichte verfassen, in der Dwinger und Wehner, Herrmann Eris Busse und Franz Schauwecker erscheinen, während man Annette Kolb und René Schickele, Robert Walser und Joseph Roth (!!), Felix Hartlaub und Eugen Gottlob Winkler, zersetzende Intellektuelle, „Feinde des Gesunden“ offenbar, vergeblich sucht.

Wird man sich da wundern, wenn die „Dichterin“ Ruth Schaumann – nichts Schlechtes über sie – liebevoll porträtiert wird, während man die Namen der „Schriftsteller“ Friedrich Sieburg und Wolfgang Koeppen verschweigt?