Im Münchner „Haus der Kunst“ werden gegenwärtig die knapp 300 Werke gezeigt, die für den Marzotto-Preis 1960 eingereicht wurden. Den ersten Preis des Wettbewerbes, den der italienische Industrielle Paolo Marzotto alle zwei Jahre ausschreibt und der 5 Millionen Lire beträgt, wurde Renato Guttuso (Italien) für sein Gemälde „Hund in der römischen Campagna“ zugesprochen. In den zweiten Preis haben sich Pierre Dmitrienko (Frankreich) und Joseph Faßbänder (Deutschland) zu teilen, in den dritten Louis van Lint (Belgien) und Jaap Wagemaker (Holland), in den vierten Franco Francese (Italien), Peter Moog (Deutschland), Joseph Probst (Luxemburg) und Marie Raymond (Frankreich).

Der Zuspruch des ersten Preises ist unangreifbar. Das grauenhaft trostlose, gewissermaßen zeitsymbolische Bild der ausgehungerten, räudigen, verwilderten Bestie, in einer Art expressivem Supernaturalismus gemalt, ist mit Abstand die überzeugendste künstlerische Leistung unter allen ausgestellten Arbeiten. Über die andern Preise läßt sich streiten.

Von jenem exzeptionellen Hundebild abgesehen, ist hier indessen auch die Frage der größeren oder geringeren Preiswürdigkeit gar nicht so brennend. Interessanter scheint das Gesamttableau der im höchsten Grade informativen Schau. Das, worüber sie den Betrachter informiert – falls er es noch nicht gewußt haben sollte –, ist die Unmöglichkeit, in dem buntscheckigen Stilgemisch überhaupt noch irgendwelche objektiven Maßstäbe anwendbar zu finden, an denen Wert und Gültigkeit der einzelnen Arbeit bemessen werden könnten.

Vom Neo-Impressionismus, Neo-Expressionismus, Surrealismus und Tachismus bis zum grotesken Infantilismus, zum einfachen Mystifizismus und eindeutigen Schmierionismus, vom snobistisch destillierten Sofabild bis zur kunstgewerblichen Dekoration, von verschämter Gegenständlichkeit bis zur Abstraktion an der Grenze der Auflösung, ja, der Sichtbarkeit, ist alles da.

Was aber ist verbindlich? Bedeutet hier nicht alles soviel wie nichts? Sind tausend Gesichter nicht so gut wie entlarvte Gesichtslosigkeit? Die Frage ist längst fällig. A-th