Der polnische Parteichef Gomulka hat am vergangenen Wochenende zugleich gegen die Bundesrepublik, gegen den Vatikan und gegen das polnische Episkopat gewettert. Die Rüstungspolitik der Bundesrepublik nannte Gomulka dabei die größte Gefahr für den Frieden. Wiederum forderte er von Bonn die bedingungslose Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze und den endgültigen Verzicht auf die deutschen Ostgebiete.

Erst einige Tage zuvor hatte Gomulka freilich erklärt: „Es gibt kein Problem der polnischen Grenzen, sondern lediglich ein Problem des Friedens. Unsere Grenzen aber hängen nicht von irgendeiner Politik der Bundesregierung ab, vielmehr von Polens Stärke und der Macht seiner Verbündeten.“ Ein andermal hatte er gesagt: „Gemeinsam mit seinen sozialistischen Verbündeten ist Polen so stark, daß sich die westdeutschen Militaristen und Revanchisten bei jedem Versuch, Polens Grenzen anzutasten, ganz gehörig ihre Finger verbrennen werden.“ An diesen Ansprüchen wird deutlich, daß Gomulka die Gefahr des „westdeutschen Revanchismus“ in seinen lichteren Momenten für halb so schlimm hält, wie er den Polen in seinen hitzigeren Reden weismachen möchte. Offenbar hat er es darauf angelegt, die Wähler durch die Beschwörung des deutschen Kriegsgespenstes hinter seine diskreditierte Partei zu scharen ...

So muß denn außenpolitisch die Bundesrepublik herhalten wie innenpolitisch die Kirche. Der Heilige Stuhl, so meinte Gomulka, schaffe absichtlich Spannungen zwischen dem polnischen Episkopat und der Regierung, weil dies seinen Zielen förderlich sei, denn dadurch werde der Welt das Bild einer unterdrückten und verfolgten katholischen Kirche suggeriert. Der Vatikan hat inzwischen gegen diese Verleumdung protestiert, und der Primas von Polen, Kardinal Wyszynski, hat in einer Predigt darauf geantwortet. Die katholische Kirche, so sagte er, gedenke nicht, sich gegen die Anschuldigung zu verteidigen. Aber er machte es sehr deutlich, daß er an der Freiheit des polnischen Volkes gegenwärtig berechtigte Zweifel hegt. J. K.