Dieser Film ist für Lebenskünstler und für solche Mitbürger, die zwar davon träumen, das Leben einzuatmen wie einen Maimorgen im Stadtpark, aber die – wenn sie dann endlich tief Luft holen – feststellen, es regnet, und die Luft ist voller Ruß.

In diesem Film „Wo bleibt da die Moral, mein Herr“ (Le Farceur) geschieht, wenn man so will, nichts. Ein Strizzi von dreißig Jahren liebt die Frauen; und der Zuschauer in seinem Parkettsessel darf zugegen sein und profitieren. Der Strizzi liebt sie alle; die mit einem Ring am Finger und die Einsamen, die Widerspenstigen und die Hingebungsvollen. Er liebt in ihnen die Liebe schlechthin. Sie ist die Flamme, die ihn wärmt, und da er die Wärme auch wiederum liebt, drosselt er die Flamme nie zur Sparflamme. Es muß immer zischen und sprühen.

Die verwöhnte, reiche Helene, Gemahlin eines Pariser Händlers, der nur seine blöden Börsenkurse im Kopf hat, folgt ihm – wie alle ihre Vorgängerinnen – in ein winziges Loch in einem Hotelchen an der Landstraße. Sie sieht nicht, daß Edouard, eben jener bewußte Strizzi, der Kellnerin zuflüstert: „Ich glaube, ich werde bald du zu dir sagen...“

Aber alles das geschieht ohne Frivolität. Es geschieht einfach. Man wird an Schnitzlers „Reigen“ erinnert und vor allem an die Glanzrolle Gérard Philippes in dem Film „Liebling der Frauen“ (1953). Unser Liebling Edouard ist Jean-Pierre Cassel. Anouk Aimée spielt die wunderbare Helene und Genevieve Cluny ist Pilou, Edouards frühere Frau, die jetzt mit seinem Bruder verheiratet ist.

Und da ist die Kulisse, vor der so himmlisch geliebt wird: Ein Haus in Paris, eine Burg, die Edouards Onkel Theodore gehört, vollgestopft mit Kitsch und Kommoden. Onkel, Neffen, Nichte und Kinderchen leben hier kunterbunt zusammen. Wenn kein Geld mehr da ist, wird etwas getan: Die ganze Familie steht Modell für einen Ludwig XIV.-Comic-Strip, eine Bildergeschichte ohne Ende in einer Pariser Zeitung. Man photographiert selbst, man schreibt auch selbst.

Ein Genuß über neunzig Minuten. Bei allem Übermut stimmt er ein bißchen traurig, nämlich dann, wenn man merkt, wie vergänglich die Liebe ist. Der Regisseur und Drehbuchautor Philippe de Broca hat diesen Film inszeniert. Nach seinen „Liebesspielen“ ist dies hier sozusagen das nächsthöhere Semester. G. D.