Von Jutta Rudershausen

Bad Dürkheim, im März

Nicht ganz Charakterfeste sollte man eher warnen. Aus ein bißchen Urlaubsneugier kann hier in der Pfalz leicht eine Gewohnheit fürs Leben werden. Ich meine ja nicht nur die „Keschte“ und den „Woi“ (Kastanien und Wein), diesen köstlichen Zusammenklang von Süße und allen Variationen der Herbheit, der sich bei einiger Sachkenntnis zum vollen Akkord steigern läßt. Ich meine ebenso Land und Leute: dies liebliche wald- und rebenbewachsene rot-grüne Bergland mit einem Klima, das die Edelkastanienwälder gedeihen läßt und dazu den derb-heiteren, wein- und naturseligen „Pälzer“, der doch seinen „Kaffe nit trocke nunnerworkse kann“, wie er überzeugend darlegen wird, wenn man ihn gelegentlich schon am frühen Vormittag vor seinem „Schoppe“ sitzen sieht.

So gewarnt, wird man also, von Norden kommend, nicht gleich den Verführungen der „Deutschen Weinstraße“ erliegen und auch die gepflegten Kuranlagen von Bad Dürkheim (Nerven- und Blutkrankheiten) noch sicheren Fußes besichtigen, denn der „Derkemer Worschtmarkt“, weinseliges Oktoberfest der Pfälzer, verlockt erst Mitte September. Sollte man im nahen Gasthaus „Käsbüro“ und in Wachenheim schon der naturreinen Güte des Pfälzers auf die Spur gekommen sein, so kann man sich gleich darauf in Forst davon überzeugen, daß hier in den „besten Lagen“ tatsächlich Spitzenweine wachsen. Auch das benachbarte Deidesheim mit seinem mittelalterlichen Rathaus, der Freitreppe auf den kleinen Marktplatz und der berühmten „Kanne“-Gaststätte ist einen Besuch wert. Und ist man erst einmal, nachdem man auf dem Hambacher Schloß mit den alten jungen Revoluzzern von 1848 auf du getrunken hat, südlich von Neustadt, dann werden Maikammer, St. Martin, Edenkoben, Edesheim, Rodt, in deren Winzergenossenschaften man die bekannten guten Durchschnittsweine erhält, wie alte Bekannte grüßen.

Dies alles findet sich von selbst. Wer aber auf der Suche nach landschaftlichen Schönheiten ist, der entdecke nun die Pfälzische Schweiz, das Viereck südlich des Flüßchens Queich zwischen Landau, Hinterweidenthal, Dahn und Schweigen mit seinem Weintor, das ein etwas ernüchterndes Ende der Weinstraße an der elsässischen Grenze bildet. Hier buckelt sich der Höhenzug Pfälzer Wald zu 600- bis 700-Meter-Kegeln, und fast auf jedem finden sich romantische Burgen oder Ruinen mit ihrer Geschichte bis zurück in die Salier- und Stauferzeit oder bizarre rote – Kletterfelsen aus verwittertem Buntsandstein. Rot leuchten auch die Acker zwischen den graugestreiften Rebenhängen und dem Grün der Wälder – immer wieder Wälder, so weit das Auge reicht. Höhepunkt der Pfälzischen Schweiz ist Dahn, der kleine Ort zu Füßen des Jungfernsprungfelsens, von dem sich, der Sage nach, eine Jungfrau, von wenig ritterlichen Rittern verfolgt, hinunterstürzte, ohne Schaden zu nehmen. Ringsum bewacht eine ganze Versammlung bizarrer Felsgestalten die alten Burgruinen Altdahn, Grafenstein, Tannstein und Neudahn. In Dahn wohnt sich’s billig für 9 bis 10 Mark Vollpension.

Von den Burgen der Umgebung ist der Bewartstein aus dem 12. Jahrhundert eine Felsenfeste wie aus dem Bilderbuch, teils noch erhaten, teils wiederhergestellt und in lieblicher Wald-, Wiesen- und Seenlandschaft. Der Ruinen schönste ist jedoch die Wegeinburg, hart an der Grenze, einsam, weitläufig, verwunschen. Das wohl romantischste der Örtchen ist Dörrenbach südlich Bergzabern, das „Dornröschen der Pfalz“, mit seinem Fachwerk-Rathaus und dem treppen- und mauerbewehrten Kirchplätzchen, das für die allsommerlichen Heimatspiele eine ideale Kulisse bildet. Campingfreunden bieten sich in Dahr, Bergzabern, Annweiler Plätze an.

Wer bei der Unterkunft Wert auf mehr Komfort legt, bleibt am besten in einem der Luftkurörtchen: Bergzabern, Kneippkurort („Wälder, Wasser, Wiesen, Wein“) mit beispielsweise 14 bis 20 Mark Vollpension im ruhigen Parkhotel; oder Annweiler mit seiner Burgdreifaltigkeit, von Scheffel besungen, von Kaiser Friedrich II. 1215 zur freien Reichsstadt erhoben. Am stillen Ende der Annweilerer Kuranlagen liegt das „Kurhaus Trifels“, eine gepflegte, ja fast exklusive Unterkunft für Ruhesuchende (12 bis 15 Mark Vollpension). Der Wochenendbetrieb der Ausflüglei auf den Trifels reicht nicht bis hierher. Die berühmte Kaiserburg der Hohenstaufen, „die einst die Reichskleinodien barg“, war bis 1936 eine romantische Ruine und wurde „in großer Zeit“ wiederaufgebaut, nach alten Plänen zwar, doch fehlt die echte Patina. Vom nahen Rehberg der Siebenburgenblick (Scharfenberg, Meisterseel, Lindelbrunn, -Ramberg und aridere) verführt zu immer weiteren Wanderungen.