Auf dem lauten Buchmarkt ist schlechte Zeit für stille Bücher. Auch, vermutlich, für dieses –

Gert H. Theunissen:„Kette und Schuß“ Zum besseren Verständnis unserer Zeit; bibliotheca christiana, Bonn; 248 S., 12,80 DM.

Was diese Sammlung zeitkritischer Betrachtungen abhebt von vielen ähnlichen Sammlungen, ist nicht nur die unbeirrbare Courage zum Unzeitgemäßen es ist der echte Ton, die so selten gewordene Qualität des stillen, gemäßen Denkens, der behutsame Umgang mit der Sprache. Dieser Autor ist so ganz und gar ungeplagt vom Geltungstrieb, diesem doch scheinbar so unvermeidlichen Herzschlag der meisten intellektuell – modischen Sprecher, er ist so ganz uneitel, daß man ihm etwas glaubt, was man bei dem fatalen Überangebot von Zeitanalyse und Zeitverriß, bei den eigenen, diesbezüglichen Ermüdungserscheinungen, schon lang zu glauben aufgehört hat: die ernste innere Teilnahme, die Ergriffenheit.

So glaubt man Theunissen zum Beispiel folgendes: „Vielleicht werden wir einsehen, daß die Zukunft Europas nicht zuletzt auch davon abhängt, ob es in ihr noch Menschen geben wird, die den Mut zum Mißerfolg aufzubringen vermögen, einen Mut, der dem Geist seinen moralischen Rang verleiht...“

Diese Erkenntnis liegt freilich in der Luft; aber nicht jeder darf sie äußern.

Gewiß gehört auch Theunissen zu denen, die mit der unerbittlichen Schlußformel von Thomas Manns Schiller-Rede zum 150. Todestag des Dichters – wohl dem schönsten Essay des letzten Dezenniums – übereinstimmen: „Das letzte Halbjahrhundert sah eine Regression des Menschlichen, einen Kulturschwund der unheimlichsten Art, einen Verlust an Bildung, Anstand, Rechtsgefühl, Treu und Glauben, jeder einfachsten Zuverlässigkeit, der beängstigt.“

Jedoch, dies zu merken und etwa die nötigen Konsequenzen zu ziehen, dazu gehört noch nicht allzu viel. Viel gehört dazu, auch das gewaltige, unmoderne Bekenntnis zu bejahen und zu verfechten, das Thomas Mann unmittelbar anschließend ablegte, und das – in Klammern gesetzt – leicht überhörbar war und dann auch recht gründlich überhört wurde: das Bekenntnis nämlich, daß das intellektuelle und das moralische Niveau zusammengehöre.