Im NATO-Gebäude an der Porte Dauphine zu Paris fehlt seit ein paar Wochen der Hausherr. In den ersten Märztagen hat sich Paul Henri Spaak, den Flugschein nach Brüssel in der Tasche, von seinen Mitarbeitern verabschiedet. Seitdem ist der Posten des Generalsekretärs der NATO verwaist.

Daß der dynamische und temperamentvolle Belgier ging, war ein Schlag für die Verteidigungsorganisation. Daß die Wahl seines Nachfolgers nun mit dem Odium eines ärgerlichen Kuhhandels behaftet wird, trägt gewiß nicht dazu bei, die leise Krisenstimmung, die sich seit einiger Zeit in der NATO ausgebreitet hat, zu beseitigen. Und leider ist es so, daß eben jene Regierung, die durch ihre nationalen Sonderwünsche kräftig mithalf, Spaak das NATO-Leben sauer zu machen, jetzt durch neue Eskapaden eine schnelle Nachfolgeregelung blockiert. Wäre, nicht der französische Widerstand, dann hieße der neue Generalsekretär schon jetzt Dirk Stikker.

Der vierundsechzigjährige Holländer, einst Außenminister seines Landes und seit fast drei Jahren niederländischer NATO-Botschafter, scheint als ausgeglichener und erfahrener Politiker alle Voraussetzungen für dies Amt mitzubringen. Jedenfalls sind die Amerikaner und die meisten anderen Mitglieder der Atlantikorganisation entschieden für ihn. Anders freilich die Italiener, die den zweiten offiziellen Kandidaten aufgestellt haben, ihren Botschafter in Washington, Brosio. Und anders auch die Franzosen, die durch die Ablehnung Stikkers die Niederlande offenbar für ihren Widerstand gegen de Gaulles Europa-Pläne bestrafen wollen. Dabei spielt natürlich auch noch der Wunsch eine Rolle, sich bei günstiger Gelegenheit die Dankbarkeit Roms im europäischen Geschäft zunutze machen zu können. Do ut des ...

Schließlich ist auch nicht unwichtig, daß Stikker – kaum anders als Norstad und Spaak – nie einen Zweifel daran gelassen hat, für wie sinnlos und gefährlich er de Gaulles Versuch hält, eine separate französische Atommacht aufzubauen. Kritiker der Gloire sind in Paris nicht eben beliebt.

Das Amt des NATO-Generalsekretärs muß wieder besetzt werden – so schnell wie möglich. Und da der Fünfzehner-Rat der Gemeinschaft den neuen Mann einstimmig zu ernennen hat, ist es doch wohl sinnvoll und gerecht, wenn die wenigen sich den vielen fügen, nicht umgekehrt. Paris sollte überdies Sorge tragen, daß die Allianzpartner seiner Intrigenpolitik womöglich nicht noch überdrüssiger werden, als sie es jetzt schon sind.

Hans Gresmann