Ein weitverbreitetes Vorurteil besagt, Darstellungen schaffender Künstler aus der Feder anderer Künstler – schaffender oder ausübender – wären von fragwürdigem Wert, weil sie niemals ganz objektiv sein könnten. Diese Meinung beruht auf einem fundamentalen Irrtum: auf der Annahme, derartige Darstellungen von der Hand reiner Fachgelehrter, also bloßer Theoretiker, seien frei von Subjektivismus. Demgegenüber sollte sich endlich einmal die Wahrheit herumsprechen, daß in Dingen der Kunst nur ein geringer Teil der Meinungsbildung auf objektiven, allgemeingültigen, verbindlichen Maßstäben fußen kann, während der größere und eigentlich erst entscheidende Teil durchaus der Sphäre des subjektiven Ermessens anheimgegeben bleibt.

Wer das weiß, wird wahrscheinlich immer den Kunstbüchern von Künstlern den Vorzug geben, weil er, hier mit Recht voraussetzen darf: ihre Autoren haben in jedem Fall den engeren Kontakt zum einschlägigen Handwerk, sie haben ihr Ohr näher am Pulsschlag der „schöpferischen Ader“, sie urteilen nicht nur nach toter Gelehrsamkeit, sondern nach lebendiger Erfahrung, sie haben das, wovon sie reden, nicht allein gelernt, sondern auch gelebt. Dies wird um so eher spürbar, wenn ein Interpret der Musik über den Meister schreibt, in dessen Dienst er seine Lebensarbeit vornehmlich gestellt hat. Hier haben wir ein prominentes Beispiel –

Alfred Cortot: „Chopin – Wesen und Gestalt“, übersetzt von Hanns Winter; Atlantis Verlag, Zürich/Freiburg; 271 S., 14,50 DM.

Der Titel der Originalausgabe lautet bescheidener: „Aspects de Chopin“, enthält also nicht den Anspruch, Wesen und Gestalt zu ergründen.

In der Tat handelt es sich auch nicht um eine Untersuchung von professoraler Systematik, vielmehr um einen Monolog, man könnte beinahe sagen, eine Meditation in sieben Kapiteln. Die Themen heißen: „Beim Betrachten seiner Bildnisse“, „Die Hand Chopins“, „Chopin als Lehrer“, „Das Werk Chopins im Spiegel seines Briefwechsels“, „Was Chopin Frankreich schuldet“, „Chopins Konzerttätigkeit“ und „Charakterbild Chopins“.

Es versteht sich von selbst, daß ein Künstler und Sachkenner von der Intelligenz Cortots nicht so „meditiert“ wie ein dilettantischer Schwärmer. Das wissenschaftliche Fundament seiner Betrachtungen ist breit und fest. Eben darum trägt es auch das Gewicht der eigenen inneren Beteiligung und weicht nicht auf unter dem Atem der leidenschaftlichen Verehrung.

Einen besonderen Hinweis verdient der nicht umfangreiche, doch sorgfältig ausgewählte Bilderteil, der unter anderem mehrere Porträts von Künstlerhand mit der einzigen vorhandenen – leider hier ungebührlich retouchierten – Daguerrotypie konfrontiert. A-th