Dolmetscherin, Fremdenführerin und Komsomolzin – Ausländer sind Vorsichtig zu behandeln

Von Heinrich Kalbfuss

Die weite Hotelhalle wirkte wie die mißglückte Mischung eines Salons um die Jahrhundertwende mit einem Bahnhofswartesaal, eher geeignet, potentielle Gäste abzuschrecken, als einzuladen. Ein ältliches, sauertöpfiges Fräulein ersuchte uns zu warten, ohne in der folgenden Stunde weiter von uns Notiz zu nehmen. Wer zum erstenmal die Sowjetunion bereist, läuft als Mitteleuropäer in solchen Situationen Gefahr, die Nerven zu verlieren. Wir besaßen schon etwas Routine und warteten auf das Wunderbare, das sich in Rußland immer dann ereignet, wenn es am trostlosesten ist.

Und das Wunderbare geschah. Es begegnete uns in Gestalt eines Lächelns, in der zerbrechlichen Hülle einer leisen Frage: „Verzeihung – sind Sie die Herren aus Bundesrepublik?“ – Eine junge Dame stand vor uns, oder eher: ein Mädchen von vielleicht zwanzig Jahren, schmal, feingliedrig, mit tiefen dunklen Augen, das Haar unter einem kunstseidenen Kopftuch verborgen. Wie ein Bild aus Märchenbüchern des alten Rußland wirkte dieses Mädchen, das sich uns als Larissa, unsere Dolmetscherin, vorstellte, uns freundlich willkommen hieß und jetzt, mit noch immer leiser, fast schüchterner Stimme einige alte Hoteldiener in Bewegung setzte, die plötzlich hinter Sesseln und Säulen hervorkamen. Während wir noch schwitzend und staubig von der langen Nachmittagsfahrt herumstanden, erkundigte sie sich nach unseren Besichtigungswünschen für die nächsten zwei Tage.

Sie fühlte sich verantwortlich für uns und unsere Eindrücke, die wir von Smolensk mitnehmen würden – und das so reizend, daß auch wir eine Verpflichtung empfanden und um das Vergnügen baten, mit Larissa Abendessen zu dürfen. Doch sie lehnte ab. Sie hatte wohl Zeit, sie hatte auch Lust, und keine Vorschrift verbot ihr, mit ausländischen Gästen zu essen – nein, sie hielt sich ganz einfach an die Spielregeln, die sich unter der Bezeichnung Komsomolzen-Ethik zusammenfassen lassen. Komsomol, so heißt der große Verband der Sowjetjugend mit annähernd 20 Millionen Mitgliedern, die sich zunächst nur harte Verpflichtungen auferlegen, später aber zur Schicht der privilegierten Sowjetbürger zählen.

Fast alle jungen Dolmetscher und Fremdenführer der staatlichen Intourist-Organisation sind Komsomolzen und daher ideologisch besonders vorbereitet für die Begegnung mit skeptischen Ausländern. Die Komsomolzen-Ethik besteht im wesentlichen aus vier Punkten, die uns Larissa demonstrierte: Erstens Vorsicht; die Fremden kommen aus dem kapitalistischen Ausland, man muß sich selber rückversichern. Also rief Larissa eine Freundin an, die auch sogleich erschien und fortan als Zeugin all unseren Gesprächen beiwohnte. Zweitens: Lerneifer; Larissa zeigte sich vortrefflich beschlagen in allen politischen Tagesproblemen, verblüffte durch eine Unmenge von Produktionszahlen und wußte zu jeder unserer Fragen die parteiamtliche Antwort. Drittens gehört eine Art Missionsdrang dazu; der Fremde soll überzeugt werden von den Errungenschaften der Sowjetunion und dem glücklichen Leben ihrer Menschen. Und schließlich ist das Erscheinungsbild vor allem weiblicher Komsomolzen durchsäuert von einem tüchtigen Schuß Prüderie.

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